Konstruktiver Konservativismus (Rezension zu Henning Ottmann)

Konservativismus, Liberalismus und Marxismus sind Geistesströmungen, die im 19. Jahrhundert zu konsistenten Ansätzen entwickelt wurden. Dass sie auch für die Analyse der politischen Entwicklungen der Gegenwart weiterhin wertvoll sind, zeigt Ottmanns Geschichte des politischen Denkens mit dem Schwerpunkt Neuzeit. In einzelnen Kapiteln und sehr differenziert stellt er Konservativismus, Liberalismus, Kommunismus sowie den Anarchismus dar und widmet sich genauer dem Denken Friedrich Nietzsches, das er bereits in seiner viel beachteten Habilitationsschrift untersuchte. Den Kapiteln folgen sehr umfangreiche Anhänge mit Literaturhinweisen und persönlichen Angaben zu den jeweils besprochenen Philosophen.

Differenzierter Konservativismus

Die Denkschule des Konservativismus wird in Deutschland als reine Affirmation einer obrigkeitsstaatlichen Vorstellung betrachtet. Doch so einfach ist der Zusammenhang nicht, wie Ottmann zeigt. Er stellt einige prominente, aber auch weniger bekannte Denker des Konservativismus auf dem Kontinent vor.
Der Konservativismus stellt eine intellektuelle Antwort auf die Französische Revolution dar, die verschiedene Spielarten aufweist. In seinem Überblick beginnt Ottmann mit dem englischen Philosophen Edmund Burke. Dieser hatte die erste systematische Theorie politischer Repräsentation entwickelt. Für ihn ist die legitime Demokratie eine Sache historischer Entwicklung. Die Nachteile der gewaltsamen (französischen) Revolution fürchtet er. Englands Glorious Revolution steht für Burke als Exempel für eine gelungene Synthese aus Traditionswahrung und Fortentwicklung.

Der deutsche Burke

Explizit bezeichnet der Münchner Philosoph Friedrich von Gentz als ?deutschen Burke?. Gentz weiß die amerikanische Revolution zu schätzen, greift aber die französischen Versuche der Menschheitsbeglückung in ihrer Revolution scharf an. In seinen Fragmenten vergleicht er die beiden Revolutionen ganz in moderner komparatistischer Analysemethodik. Wie Ottmann schreibt, nimmt Gentz den Geist der preußischen Reformen vorweg. Außenpolitisch war er ein Vertreter der Idee des Mächtegleichgewichts, was Henry Kissinger in seiner Dissertation zu Metternich sehr gut herausstellt. Insgesamt wird deutlich, dass die meisten Konservativen keineswegs starre Status Quo-Bewahrer sind, sondern durchaus Veränderungen wünschen, aber in den kontrollierten Bahnen bestehender Ideen und Institutionen.

Der Konservativismus des Romantikers

Die Romantik ist für Ottmann der gelungenste Ausdruck deutschen Geisteslebens. Dichter und Künstler entwickelten in dieser Epoche politische Lehren, die auf folgenden Pfeilern beruhten: Das religiöse respektive katholische Element, die Präferenz für eine ständische Monarchie, ein Interesse an der sozialen Frage und die Kreation von Mythen in Form von Märchen und Erzählungen, die den Patriotismus förderten sowie Opposition gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Gesinnung. Damit verbunden ist ein romantisches Naturverständnis.

Adam Müller ist ein wenig bekannter Denker, dessen Ideen von Ottmann sorgfältig dargestellt werden. Die Bodenhaftung der ständischen Gesellschaft zieht Müller einer abstrakt-rationalistischen Vision der liberalen Gesellschaft vor. Deshalb kritisiert Müller auch einen formlosen Protestantismus, der den Weg für die von Max Weber so viel beschworene protestantische Arbeitsethik erst bereitet habe. Die abstrakten Menschenrechtsvisionen der französischen Revolution endeten bekanntermaßen in einem konkreten Despotismus. Ottmann zählt zu den deutschen Romantikern unter anderem Novalis und August Wilhelm Schlegel (Jenenser Romantik) sowie Heinrich von Kleist und die Gebrüder Eichendorff.

Liberalismus als bürgerliche Normalphilosophie

Der Liberalismus existierte bereits vor den großen Revolutionen. Jedem Politikstudenten sind die Vertragstheorien von Hobbes und Locke bekannt, die mehr oder weniger wichtige Grundparadigmen des Liberalismus liefern. Das ?fundamental liberal principle? besagt, dass der jenige unter Begründungszwang gerät, der die Freiheit einschränken will. Sich der Bedeutungsvielfalt bewusst, legt Ottmann den Schwerpunkt nicht auf den gegenwärtig in die Defensive geratenen Manchesterliberalismus eines Richard Cobden, sondern betont mehr den Utilitarismus eines Jeremy Bentham oder John Stuart Mill.

Diese Denkschule stellt in jeder Hinsicht das Nutzenkalkül menschlichen Handelns in den Mittelpunkt. Jeremy Bentham versuchte, staatliche Gefängnisse privatwirtschaftlich zu organisieren. Seine Idee des Panopticon erlangte schaurige Berühmtheit. Das Originelle an diesem Rondell war, dass von einem Wachturm aus Viele von Wenigen bewacht werden könnten. Bentham wollte mit Hilfe der Öffentlichkeit gewährleisten, dass Gefängnisse nicht mehr Anstalten des Verbrechens würden. Dazu sind die Kosten für den Staat weit geringer als bei einer institutionellen Form der Überwachung. Die Macht wird hier körperlos, zum ?Auge Gottes?. Der Überwacher wird zum unsichtbaren Knecht des Staates. Ob hier nicht die Liberalität pervertiert und in ihr Gegenteil verkehrt wird?

Dennoch: Allgemein hält es Ottmann für eine Stärke des Liberalismus im Allgemeinen, dass er anschlussfähig sei für andere Strömungen.

Eine spannend geschriebene Sammlung

Henning Ottmann gelingt es wie wenigen Philosophen, grundsätzliche Prinzipien der politischen Philosophie allgemein verständlich und sehr lesenswert darzustellen. Dies macht das Buch so wertvoll, vor allem auch die kleinen latenten Kritiken oder Bemerkungen zu gegenwärtigen Entwicklungen, die mit den Augen des 19. Jahrhunderts durchaus eine reizvolle Perspektive ergeben. Dabei bekennt er sich zu Werten, die in der postmodernen Zeit in die Defensive geraten sind, aber in diesen Zeiten fehlender Orientierung gern wieder hervorgekramt werden. Das Buch hilft zu verstehen, dass viele politische Probleme zeitloser Natur sind. Es ist zu wünschen, dass es einen weiten Leserkreis findet, der über die einschlägige Expertenrunde hinausgeht.

Henning Ottmann
Geschichte des politischen Denkens

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