Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus

Hans-Werner Sinn Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, hat ein neues Buch vorgelegt, in dem er klar nachweist, dass systemische Defekte im Bereich der Haftungsbeschränkung den Sünden der Bänker den Weg bereitet haben. Die Untersuchung beginnt mit einer Diagnose der Dimensionen der Krise, der amerikanischen ?Leben auf Pump?-Mentalität, dem Glücksrittertum an der Wall Street ,dem Versagen der Politik, Prognosen zukünftiger Krisenentwicklungen sowie Vorschlägen für Reformen. Dabei weist Sinn nachdrücklich darauf hin, dass das Finanzsystem im Oktober 2008 ?vor der Kernschmelze? gestanden habe. Für Deutschland macht er den Höhepunkt der Krise für das Jahr 2010 aus.
Sinn zeigt auf, durch welche Mechanismen sich der brutale Wettbewerb um hohe Renditen verselbständigt hat und zu einer abstrusen ?Innovationswerkstatt? wurde. Fast skurril wirkt die Aussage eines Bankmanagers, den Sinn wiefolgt zitiert: „Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, ein Finanzprodukt nur dann zu genehmigen, wenn es wenigstens einer von uns wirklich verstand. Diesen Grundsatz konnten wir aber nicht durchhalten, denn wir mussten stets befürchten, dass es dann von den Briten oder den Deutschen genehmigt werden würde. Also haben wir die Augen zugedrückt und die Genehmigung erteilt.“ Ein grenzüberschreitender Deregulierungs- und Innovationswettbewerb, dem das renditegierige Kapital grenzüberschreitend und mit Wollust folgte. Hier wirft der Münchner Ökonom vor allem der Politik ein gravierendes Versagen vor. Der bekennende Anhänger des Euckenschen Ordoliberalismus fordert einerseits stärkere Regulierungsmaßnahmen im finanzwirtschaftlichen Bereich, jedoch mehr Deregulierung in der Realwirtschaft und hier vor allem auf dem Arbeitsmarkt.
Spannend ist der Teil des Buches, in dem Sinn zeigt, wie faule Kredite in ?Anleihen? umgebastelt und mit einem Häubchen an sicheren Krediten garniert wurden, um dann als Gesamtpaket bei den Rating-Agenturen gute Noten zu bekommen. So genannte Collateralized Debt Obligations (CDO) sind immobilienbesicherte Wertpapiere, die Ansprüche verbriefen. Diese Papiere wurden von Investmentbankern in verschiedene Tranchen aufgeteilt – manchmal 25 Mal -, bis die Ratingagenturen 70 bis 80 Prozent der unterschiedlich sicheren Tranchen mit dem begehrten „AAA“ auszeichneten. Das Ergebnis war eine Kaskade ineinander verschachtelter Ansprüche und Risikostrukturen, die häufig nicht einmal der cleverste Investmentbanker durchschaute. Die Risiken waren für die Käufer jedenfalls nicht mehr ersichtlich. Markttransparenz und Haftung wurden so ?kreativ? ausgehebelt. Während die Chinesen so schlau waren und vor allem amerikanische Staatsanleihen gekauft haben, finanzierten viele deutsche Banken die US-Schulden dadurch, dass sie auf die schmutzigen Deals zwischen Investmentbanken und den ?kläglich versagenden? Rating-Agenturen herein fielen.
Wie sind zukünftige Krisen zu vermeiden? Gar nicht, meint der Ökonom. Aber es gibt Maßnahmen, um regelmäßig auftretende Krisen beherrschbarer zu machen. Dazu gehören die Erhöhung der Eigenkapitalquote von Banken sowie die Rückkehr zur Bewertung von Anlagen nach dem Niederstwertprinzip. Vermögensgegenstände müssen dabei handelsgesetzlich konservativ und risikolos bewertet werden. Die Darstellung von Anlageformen, Bankstrategien, Rating-Mechanismen und makroökonomischen Zusammenhängen toppt in seiner Breite und Nachvollziehbarkeit alles, was in der Literatur für ein breites Publikum vorzufinden ist. Aber sein Blickwinkel bleibt im Ökonomischen haften. Die Managerschelte, die er vor Monaten ungeschickterweise mit Judenpogromen verglich, lässt er dieses Mal als emotional nachvollziehbar einfach stehen. Die Abhandlung ist für ökonomisch Interessierte aller Provenienz ein Muss.

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