Mechanismen des Finanzmarktes

Oliver Kessler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Soziologiefakultät der Universität Bielefeld, hat mit seiner Studie Die internationale Politische Ökonomie des Risikos einen wissenschaftlichen Beitrag vorgestellt, der die Krise der Gegenwart besser verstehen hilft. Aus der theoretischen Sicht eines Weltgesellschaftsmodells, das theoretisch eingeführt wird, entwickelt der Wissenschaftler eine Risikoanalyse, die den positivistischen Ansatz reiner Nutzenkalküle durch subjektivistische Elemente erweitert. Klassische Analysegrenzen wie die Dichotomie von Staat und Markt werden dabei überwunden.

Die Welt als soziale Konstruktion

Kessler, der bei Friedrich Kratochvil studiert hat, ist Vertreter einer postpositivistischen Analysemethodik. Diese stellt den Menschen als sozialen Akteur in den Vordergrund, dessen Handeln stark von den das soziale System konstituierenden Normen bestimmt wird. Tendenziell geht mit diesem Denken eine Dekonstruktion des handelnden Subjekts einher. Diese Überlegung wird dann auf die Ebene der Interaktion zwischen politischem und ökonomischem System bezogen. Normen werden als intersubjektive Konstruktionen betrachtet, die als institutionalisierte Konglomerate den Staat als Akteur in die Zange nehmen und dessen Handlungsspielraum beschränken können. Diese Überlegung umrahmt Kesslers Untersuchung. Dass der Staat an sich in der gegenwärtigen Bankenkrise verloren gegangenes Territorium als ?Rettungsinstanz? zurückerobert, konnte er naturgemäß nicht antizipieren.

Das Phänomen der Währungskrisen

Kesslers Kenntnisse sind profund. Für einen Soziologen sind seine Fähigkeiten außergewöhnlich, ökonomische Zusammenhänge zu darzustellen. Denn hier zeigt sich, dass der Autor die positivistischen Theoriestrukturen im währungs- und wirtschaftspolitischen Bereich ebenso souverän beherrscht wie seine spezifische Domäne der Sozialtheorie. Dazu dekliniert er die klassische Theorie von Währungskrisen durch.

Drei Modelle sollen das Auftauchen, die Bedingungen und Folgen von Währungskrisen erklären. Das Modell der ersten Generation, auf Paul Krugman zurückgehend, hebt fiskalpolitische Probleme hervor, die die Leistungsbilanz eines Landes schwächen. Eine Kombination aus steigendem realen Wechselkurs, abnehmenden Devisenreserven und wachsender Staatsverschuldung stellt einen zentralen Indikator für das Auftauchen einer künftigen Währungskrise dar, gepaart mit einer Verschuldung des privaten Sektors im Verhältnis zu den Devisenreserven des Landes. Modell Nummer zwei basiert auf dem eigentlich aus der Inflationstheorie stammenden Modell der adaptiven Erwartungen. Hier spielt das Verhältnis von Staat und privaten Akteuren eine zentrale Rolle. Private Akteure antizipieren in festen Wechselkursregimen die Geldpolitik der Zentralbank und passen ihr Geldnachfrageverhalten entsprechend an. Dadurch kommt es zum Problem der Selbstreferenz, der Selbstverstärkung einer Krise durch die Art der Kommunikation über diese Krise und die damit verbundenen Entscheidungshandlungen. Modelle der dritten Generation weisen darauf hin, dass ein liberalisierter Kapitalmarkt, der nur ungenügend reguliert ist, gerade in Schwellenländern zu negativen Folgen führen kann ? aufgrund der hiermit verbundenen stark schwankenden Kapitalvolatilität.

Der Autor zeigt, dass kein Modell exklusiven Erklärungsanspruch aufweisen kann, sondern dass jede Währungskrise einen eigentümlichen Mix aus verschiedenen, regionalspezifischen Variablen darstellt. Damit kommen exogene politische Faktoren ins Spiel wie zum Beispiel der Beitrittswunsch zu einer regionalen Sicherheitsorganisation, die von rein makroökonomisch orientierten Modellen nicht gefasst werden können, aber das Verhalten eines staatlichen Akteurs erheblich beeinflussen.

Wandel der Perspektive

Für Kessler ist ein Perspektivenwechsel in der ökonomischen Diskussion zu attestieren. Die Hervorhebung von Kapital- und Leistungsbilanzdefiziten oder psychologisch induzierten Kauf- und Verkaufseffekten auf dem Devisenmarkt sei der Betrachtung von Bankenregulierung, institutionellen Strukturen, corporate governance und vertragsrechtlichen Aspekten globaler Reichweite gewichen. Territoriale und funktionale Grenzen im ökonomischen System verschwimmen: ?Die Frage, was noch im Bereich des souveränen Staates liegt und was nun zu einer Notwendigkeit internationaler Regulierung wird, um die Funktionsfähigkeit des globalen Finanzmarktes zu garantieren, findet eine Neuverhandlung.? Interessant ist dabei, dass dieses Manuskript vor der aktuellen Bankenkrise formuliert worden ist. Dies zeigt, dass in der Wissenschaft bestimmte Probleme der Kapitalmarktsteuerung schon länger bekannt sind, der Wissenschaft aber gegenüber der Politik die Durchsetzungskraft zur Umsetzung von Reformen fehlte.

Kessler gibt einen guten Überblick über die Ausbreitung von Wirtschaftskrisen, die sich vor allem in den neunziger Jahren als regionale Krisen ausgewirkt haben. Dass er auch sorgfältige Definitionen und mathematisch beladene Typologien bestimmter kapitalmarktrelevanter Nutzen- und Erwartungsfunktionen darstellt, gehört zum Gepäck einer Dissertation notwendigerweise dazu. Aber insgesamt bleibt der rote Faden gewahrt, denn der Verfasser fügt jedem Unterkapitel eine hilfreiche Zusammenfassung an.

Wichtiges Erklärungsmodell

Man muss nicht alle sozialtheoretischen Annahmen teilen, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Seine Analysen zur Normgenerierung und ?implementation sind bedeutsam. Aber sie verleiten auch den Nicht-Konstruktivisten dazu, kritische Fragen zu stellen. Denn ist es nicht diese Diffusion von Normen, die die Abenteuerlust von Finanzmarktakteuren erst ermöglicht hat? Die die Kopplung an ?Ideen? anstatt an harte ökonomische Fakten befördert und zur ?Konstruktion? von ?innovativen Verbriefungen? verführt hat?

Kesslers Untersuchung zeigt, dass nicht mehr Staaten die zentralen Steuerungseinheiten des Kapitalmarktes sind und sein können, sondern private Anleger und ihre Risikokalküle. Reformen müssen somit auf individueller wie systemischer Ebene angesiedelt werden. Aufgrund seiner Elaboriertheit ist das Buch für ökonomisch informierte Politikwissenschaftler und Soziologen sowie für Hauptfach-Ökonomen mit sozialwissenschaftlichem Interesse geeignet.

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