Archiv für Juli 2009

Mindestlohn hilft in der Krise

Dienstag, 28. Juli 2009

Mindestlohn schafft Arbeit – Bofingers Thesen

Ist der Markt noch zu retten? Peter Bofingers Titel ist reißerisch, aber er hält, was er verspricht. Indem er den Fokus auf die Rolle des Staates lenkt, gelingen ihm eine Fülle origineller Vorschläge und plausibler Argumente, die das Format besitzen, klassische Marktargumente in Frage zu stellen.

Die klassische Diagnose der Finanzmarktkrise

Der erste Teil des Buches gibt die konventionellen Einsichten zu den Ursachen der Finanzmarktkrise wieder. Zu viel Liquidität, bereitgestellt durch den ?Hohenpriester der Marktwirtschaft?, Alan Greenspan, eine zu starke Deregulierung und Privatisierung des Bankensektors sowie verantwortungsloses Verhalten marktgläubiger Kunden werden als Hauptursachen der Krise erkannt. Dazu das Verhalten der Rating-Agenturen, deren konstituierendes Personal sich als ?Journalisten? sieht. Jedoch waren sie, so Bofinger, PR-Manager für die Firmen, von denen sie bezahlt wurden. Im Gegensatz zu Volkswirtschaftlern wie Michael Hüther oder Hans-Werner Sinn macht Bofinger jedoch die Marktwirtschaft an sich verantwortlich für diese Exzesse, während Sinn und Hüther versuchen, die Krise auf das Nichtbeachten genuiner marktwirtschaftlicher Regeln zurück zu führen.

Die Ideologie des schlanken Staates

Die Entstaatlichung in Deutschland ist zur vorherrschenden Ideologie geworden. Dies ist jedenfalls die Meinung des Mitglieds des Sachverständigenrates, der mit klaren Statistiken nachweist, dass die Argumente des überbordenden Staates im Vergleich mit anderen OECD-Ländern absolut hinkt. Deutschland liegt mit einer Staatsquote von 43,8 % weit unter derjenigen anderer Industrieländer. In Deutschland hält sich aber hartnäckig das von der Politik gestreute Gerücht, dass Deutschland geradezu Spitzenreiter bei der Staatsquote sei und dringend ?dereguliert? werden müsse. Auch bei den Staatsausgaben pro Kopf lag Deutschland im Jahr 2008 nur im Mittelfeld und sogar am Ende der entwickelten Industrieländer.

Der Holzweg zurückhaltender Lohnpolitik

Um wieder zu einer fairen Verteilung zwischen Arbeit und Kapital in der Gesellschaft zu kommen, fordert Bofinger dazu auf, ?das Dogma der zurückhaltenden Lohnpolitik? zu überwinden. Dieses besteht darin, die Arbeitnehmer so lange nicht vollständig am Produktivitätsgewinn zu beteiligen, solange sich die Arbeitslosigkeit noch im Millionenbereich befindet. Mit einigen Graphiken belegt der Ökonom, dass in keinem Land Europas die Nominallöhne so wenig gestiegen sind wie in Deutschland. Dabei vergisst er zu erwähnen, dass sie von einem sehr hohen Niveau gekommen sind, aber im Grunde macht Bofingers Argumentationskette Sinn. Denn die Gefahr einer Deflation kann nicht nur durch eine Ankurbelung des Exports überwunden werden, sondern durch eine konstante Binnennachfrage. Die ist in Deutschland natürlich ausgeblieben.

Wenig bekannt: Mindestlöhne sind Usus

Ein Hans-Werner Sinn würde argumentieren, dass Mindestlöhne den Wettbewerb verzerren. Dies sieht Bofinger nicht so. Sinkende Löhne senkten das Arbeitsangebot und verstärkten die Unterbeschäftigung. Die Beispiele aus der Empirie überzeugen allerdings weniger. In Luxemburg beträgt der Mindestlohn bei 9,30 Euro und in Irland 8,65 Euro. Erstens ist Luxemburg mangels Masse kaum als valides Beispiel zu akzeptieren und zweitens ist in Irland die Arbeitslosigkeit in der Bankenkrise so massiv angestiegen, dass die von Bofinger benutzten ?guten Zahlen? als wenig nachhaltig anzusehen sind.
Richtig aber ist, dass viele der westlichen Industrieländer stärker als Deutschland das Prinzip des Mindestlohnes verwirklichen, ohne als sozialistisch zu gelten. Selbst in der kapitalistischen Hochburg Amerika setzen sich Mindestlöhne mehr und mehr durch.

Aufstocker nicht diskriminieren

Der Verfasser trifft den Nerv Vieler, wenn er dafür plädiert, ganztägig arbeitende, aber dennoch unterhalb des Existenzminimums verdienende Arbeitnehmer nicht denselben diskriminierenden, kontrollierenden Prozeduren auszusetzen wie Menschen, die nichts zu ihrem Lebensunterhalt beitragen (können). Arbeit muss Würde schaffen, aber die geltende Gesetzgebung führt eher zur Entwertung des Humankapitals, so Bofinger. Seine Argumentation in diesem Punkt stützt seine Anmerkungen zum Mindestlohn. Auch in einem Bereich, in dem die Große Koalition eine Regelung gefunden hat, der Vermögenssteuer, weist diese in eine falsche Richtung. Das Konzept der Besteuerung von einkommensstarken Mitgliedern der Gesellschaft sei in Deutschland suboptimal ausgeprägt. Diese Einschätzung wird von weiteren Instituten geteilt.

Der aktive Bürgerstaat

Im Gegensatz zu manchem systemkritischen Klassiker, der sich in der Wirtschaftskrise gut verkaufen lässt, belässt es Bofinger nicht bei üblichem Kritikastertum. Statt dessen entwickelt er das Modell des aktiven Bürgerstaats, das eine starke Rolle des Staates mit hoher Staats- und Steuerquote dauerhaft absichern soll. Folgende Pfeiler sollen die Basis dieses Staates bilden: Eine transparentere Darstellung der Einnahmen- und Ausgabenstruktur des Staates, die bisher lediglich Experten vorbehalten ist; Eine der finanziellen Leistungsfähigkeit der Bürger besser entsprechende Verteilung der Steuer- und Abgabenlasten; eine Medienloyalität, die auf Bilder vom ?Staat als Abzocker? verzichtet; Politiker, die den Staat nicht nur als Bürde, sondern als Instrument für eine stabile Gesellschaftsordnung darstellen; Wirtschaftsführer, die die positiven Standortvorteile des eigenen Landes herausstellen und, daraus resultierend, Bürger, die nicht im Steuerbetrug, sondern in Treue einen Wert an sich sehen. Makroökonomisch hält es Bofinger für sinnvoller, wenn sich der Staat bei den eigenen Bürgern verschuldet. Denn der Großteil der deutschen Privathaushalte legt sein Geld in unsicheren Auslandskrediten an. Wenn der Bürger weiß, dass er als Gläubiger den Aufbau beispielsweise eines zukunftsfähigen Bildungssystems im eigenen Land finanziert, dann bindet ihn das auch emotional stärker an den Staat. In einigen Hinsichten ist die Idee des ?aktiven Bürgerstaats? originell, in anderer Hinsicht jedoch relativ utopischen Charakters.

Gelungene Alternative

Bofingers Plädoyer für einen starken Staat bezieht seine Glaubwürdigkeit daraus, dass er diese Position schon recht lange vertritt. Seine Analysen sind leicht verstehbar und durch Statistiken gut abgesichert. Die von ihm identifizierten Mechanismen, politische Kontrolle über die Angst vor Staatsverschuldung zu erhöhen, werden sehr gut sichtbar. Das Buch ist für eine breite Leserschaft zu empfehlen.

75 Jahre Nazi-Putsch in Wien und Dollfuß-Ermordung

Samstag, 25. Juli 2009

Heute vor 75 Jahren, am 25. Juli 1934, überfielen als Soldaten des Bundesheeres und Polizisten verkleidete SS-Leute der Standarde 81 das österreichische Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz. Der lange vorbereitete und von Hitler zunächst geduldete Putsch endete mit der Ermordung des autoritär-ständestaatlich regierenden Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß. Der auch in mehreren Bundesländern stattfindende Putsch wurde schließlich niedergeschlagen und eine nationalsozialistische Regierung unter Anton Rintelen wurde verhinder. Sehen die einen Wissenschaftler in dem Widerstand der ?Austro-Faschisten? gegen Hitler einen Beweis dafür, dass Österreich das erste Opfer Hitlers gewesen sei, so relativieren viele jüngere Historiker diese These. Passend zu diesem Datum stellen wir ein Buch über die Geschichte Österreichs in den letzten neunzig Jahren vor.

Kommt Österreich aus seinem verkrampften Umgang mit der eigenen Historie heraus? Hannes Leidinger, Gastprofessor für Österreichische Geschichte an der Universität Wien und Verena Moritz, Lektorin an selbigem Institut, riskieren einen offenen Blick auf die beiden österreichischen Republiken ? die erste von 1918 bis 1938 und die zweite, die 1945 ins Leben gerufen wurde, aber erst mit dem Staatsvertrag von 1955 ihre Souveränität erlangte. Die Arbeit Die Republik Österreich 1918/2008: Überblick, Zwischenbilanz, Neubewertung – geschrieben aus Anlass des 90. Geburtstages der ersten Republik und begleitet von einer großen Parlamentsausstellung – widmet sich der magischen Datenreihe 1918, 1938, 1968 sowie 2008 und diskutiert Bruchstellen und Kontinuitäten österreichischer Politik. Herausragend ist die Einbettung der historischen Gegebenheiten in die politische Großwetterlage in der Gegenwart.

Der schwere Abschied von der Monarchie

Der 12. November 1918 brachte drei Tage nach der Abdankung des deutschen Kaisers auch in Österreich den Abschied von der Monarchie, indem die Republik Deutschösterreich durch die Provisorische Nationalversammlung, zu der sich alle deutschsprachigen Abgeordneten des 1911 gewählten Reichsrats am 21. Oktober 1918 zusammengeschlossen hatten, ausgerufen wurde. Der aus wirtschaftlichen Gründen geplante Anschluss der jungen Republik an das Deutsche Reich (Anschluss) wurde von der Pariser Friedenskommission 1919 untersagt. Die Geburtsstunde der Demokratie, so zeigen die Autoren, war jedoch von enormer Gewalt durch Sozialisten (republikanischer Schutzbund) und anti-marxistisch-konservative Milizverbände, den späteren Heimwehren, gekennzeichnet. Tendenziell, so Leidinger, setzten sich die noch an die Monarchie glaubenden Kräfte in den Reihen von Exekutive und Justiz durch. Doch die Sozialdemokraten halfen kräftig dabei mit, bei der breiten Bevölkerung die Angst vor der ?Diktatur des Proletariats? zu schüren.

Am Abend des 14. Juli 1927 verbreitete sich die Nachricht vom so genannten Schattendorfer Urteil. Der Prozess gegen drei Mitglieder einer rechtsradikalen Gruppierung im burgenländischen Schattendorf, die bei einem Zusammenstoß mit Sozialdemokraten zwei Menschen erschossen, hatte mit dem Freispruch aller drei Angeklagten durch ein Geschworenengericht geendet.
Darauf kam es in Wien zum Parlamentsbrand vom 15. Juli, der durch einen Mob verursacht wurde und letztlich den Sozialdemokraten in die Schuhe geschoben wurde. Von dort an war eine Annäherung der Christlichsozialen Partei und der Sozialdemokratie quasi ausgeschlossen. Die Spaltung führte in den ?Bürgerkrieg?, der in Linz am 15. Februar 1934 begann. Gegenüber standen sich in diesen Auseinandersetzungen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) sowie deren militärischer Arm, der Republikanische Schutzbund, auf der einen Seite und der austrofaschistische Ständestaat sowie dessen Bundesheer und Heimwehr auf der anderen Seite.

Austrofaschismus ? ja oder nein?

Sind italienischer, deutscher und österreichischer Faschismus miteinander vergleichbar? Bedingt, so Leidinger. Die berühmt-berüchtigte Selbstausschaltung des Parlaments, die durch eine am 4. März 1933 eingetretene Entscheidungsblockade des österreichischen Nationalrates eingetreten war, weil Parlamentspräsident Karl Renner zurückgetreten war, wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zu einer dauerhaften Ausschaltung desselbigen genutzt, kritisiert der linke Historiker. Er zeigt klar auf, wie nationalistische, monarchistische und christlich-konservative Kräfte schließlich eine undemokratische Allianz bildeten, die in ein autoritäres Regime führten.

Der Mythos vom ?Opfer Österreich?

Es gibt jedoch auch Gründe, die eine Vereinheitlichung des (exekutiven) Politikprozesses in Österreich geraten erscheinen ließen und die der Autor ein wenig in den Hintergrund drängt. Österreich war als Kleinstaat wirtschaftlich schwach, so dass seine Existenz allein von äußeren Mächten gewährleistet werden konnte. Hitler nutzte diese Abhängigkeit, indem er gegen den vom Fremdenverkehr stark abhängigen Alpenstaat eine Sondersteuer verhängte, die Tausendmarksperre. Dadurch erhöhten sich Armut und Arbeitslosigkeit noch erheblich. Dazu zerstörten dauernde Terroranschläge durch österreichische Nationalsozialisten Teile der Infrastruktur des Landes, was zu permanenten Notstandsverhältnissen in verschiedenen Regionen führte.

Und am 25. Juli 1934 ermordeten deutsche Nationalsozialisten den autoritären Kanzler, der vergeblich um eine eigene ?Österreich-Identität? gekämpft hatte. Sehen einige Historiker Dollfuß als ?Märtyrer? und Österreich als erstes Opfer Hitlers ? so Gottfried-Karl Kindermann in seinem Österreich gegen Hitler – glauben Leidinger und Moritz, dass das autoritäre Regime den Boden für die Ideen des Nationalsozialismus bereitet habe. Tatsache ist, dass Österreich sich ab 1936, als Mussolini mit Hitler zu paktieren begann und Österreich geradezu von zwei Diktatoren eingezwängt worden war, langsam von den Ideen und Praktiken der Nazis penetrieren ließ. Das Ergebnis war der Anschluss im März 1938. Da halfen auch Kanzler Kurt Schuschniggs Worte ?rot-weiß-rot ? bis in den Tod? nichts.

Besonders originell ist die Verbindung der historischen Darstellung mit Problemlagen Österreichs in der Gegenwart. Die Geschichtsaufarbeitung, so die Wiener Historiker, ist in der Alpenrepublik nicht so ehrlich wie in Deutschland. Der Mythos des Staatsvertrages aus dem Jahr 1955 als Befreiung von fremder Herrschaft wird von den Verfassern dekonstruiert. ?Österreich ist frei? hatte auf dem Balkon des Schlosses Belvedere der österreichische Bundeskanzler Leopold Figl verlauten lassen. Ein Satz, der die Unfreiheit der Nation vor allem auf die Nationalsozialisten abwälzt. Andererseits belegen Leidinger und Moritz, dass die Österreicher in mancher Hinsicht ? so bei der Folter von Gefangenen in Konzentrationslagern ? die ?besseren Nazis? gewesen seien.

Die Autoren identifizieren Mentalitäten, die die Republik bis in die Gegenwart bestimmen. Das Jahr 1968 habe zu einem unlängst klein geredeten Umdenken in vielen gesellschaftlichen Bereichen geführt, aber gerade die SPÖ habe nur ?einen pragmatischen Eklektizismus? betrieben und sich zu einem Protagonisten einer Wohlstands- und Vollkasko-Gesellschaft gemacht. Die SPÖ findet ihre Rolle auch in der Gegenwart nicht. Unter Alfred Gusenbauer scheiterte die große Koalition; die SPÖ findet sich in der Juniorpartner-Rolle unter ÖVP-Kanzler Werner Feymann wieder. Die Historiker sehen mit Schaudern auf die politische Gegenwartsentwicklung.

Ein zentraler Überblick

Spritzig und dennoch historisch detailliert und vollständig haben die Autoren die letzten 90 Jahre Österreichs durchdrungen und systematisch dargestellt. Kein wichtiges Datum fehlt, das Identität und Mentalitäten der Alpenrepublik geprägt hat. Sehr klar wird die Problematik eines Landes geschildert, das den Abstieg von einer Weltmacht zu einem Kleinstaat schwer verkraften kann und von allerlei Lebenslügen und Neurosen durchdrungen wird. Für Interessierte an österreichischer Geschichte ist dieses Buch ein wertvoller Einstieg, aber auch für Studierende.

Jürgen Rüttgers – der konservative Modernisierer

Donnerstag, 9. Juli 2009

Der konservative ?Modernisierer?
Den persönlichen und politischen Werdegang des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten stellt Volker Kronenberg von der Uni Bonn erstmals in Buchform dar. Zentrale Fragen leiten seine Abhandlung: Welches sind die Werte, die Rüttgers zu einem regional verwurzelten und überraschend erfolgreichen Spitzenpolitiker der Union geformt haben? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen begleiteten seinen Werdegang? Aktueller: Was sind die Gründe dafür, dass Rüttgers die 39-jährige SPD-Herrschaft in Düsseldorf brechen konnte? Und wie versucht er die nordrhein-westfälische Landtagswahl im Jahr 2010 erfolgreich zu gestalten?

Brauweiler als Refugium

Während viele große Politikerpersönlichkeiten ihre Karriere durch eine ausgeprägte Reisetätigkeit schon in jungem Alter beförderten, so ist dies bei Jürgen Rüttgers vollkommen anders. Der aus Brauweiler bei Köln stammende Politiker holt bis in die Gegenwart seine Kraft aus seiner Heimat. Geradezu klassisch verlief seine Mitgliedschaft bei den Pfadfindern, wo sein sympathischer Käsehass notorisch wurde ? konservative Tugenden wurden bei Gemeinschaftsveranstaltungen mit Naturbezug ausgeprägt. Von seinen Eltern lernte er, hart zu arbeiten und gläubig zu sein. Diese Art der Arbeit exerzierte er auch bei seinen ersten politischen Gehversuchen durch. Anstatt im Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) oder anderen Organisationen politische Scheingefechte zu führen, klebte er Plakate, verteilte Broschüren und lernte bei praktischen Kompromissfindungen in der Lokalpolitik, was ihm später enorm nutzte. So zum Beispiel beim Projekt der Pulheimer Stadtkernerneuerung, bei der er den einflussreichen langjährigen CDU-Fraktionsvorsitzenden in NRW, Bernhard Worms kennen lernte und seine Kontakte in die Landespolitik aufbauen konnte.

Kein 68er, sondern ?69er?

Wie Kronenberg verdeutlicht, hat Rüttgers gelernt, dass sich Veränderungen meist durch kleine Schritte verwirklichen lassen, nicht jedoch durch große gesellschaftliche Designs. Deshalb ist er skeptisch gegenüber den Anliegen der 68er und bezeichnet sich selbst als ?69er?, akzeptiert aber auch Defizite im konservativen Lager, die er bis in die Gegenwart beheben möchte. Er, der in seiner Familie ein Refugium gefunden hat, kann mit der Interpretation der Familie als ?Repressionszusammenhang und Kernzelle der alten Gesellschaft? nichts anfangen. Für ihn bleibt sein Lebensablauf bis in seine Zeit als Ministerpräsident ?spießig normal?. Aber da sich der Zeitgeist gewendet hat, spricht das nicht mehr unbedingt gegen ihn, der aussieht, wie einer, der früher in cooleren Kreisen wohl als Streber gegolten hätte.

Ein Mann zukünftiger Konzepte

Als jungem Bundestagsabgeordneten (1987-2000) war es Rüttgers vergönnt, frühzeitig die Enquete-Kommission ?Technikfolgenabschätzung und -bewertung? zu leiten, durch welche er sich im Parlament als Neuling ? gegen den allgemeinen Trend ? schnell profilieren konnte. Damit wurde er in die Rolle eines ?Zukunftsministers? geradezu hineingedrängt, wie der Autor verdeutlicht.

Seine ausgeprägten Fähigkeiten führten Rüttgers, als Parlamentarischen Geschäftsführer zügig in die ?Viererbande? um Kanzler Helmut Kohl. Diese Gruppe umfasste Wolfgang Schäuble, Rudolf Seiters und Friedrich Bohl. So steht Rüttgers als Bundesminister frühzeitig für das Konzept der Wissensgesellschaft und führt 34 neue Berufsfelder im Bereich der Informationstechnologie, Medienbranche und Umwelttechnik ein. Diese Maßnahmen bezeichnet Rüttgers in seinem Buch Zeitenwende 1999 selber ?als größtes Reformprogramm der deutschen Nachkriegsgeschichte?, was Kronenberg aber als Selbstbeweihräucherung sieht.

Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl empfindet ?ein Gefühl der Bitterkeit?, weil er einräumen muss, dass sein Verhalten im Parteispendenskandal der CDU dazu geführt hat, dass Rüttgers? erster Anlauf, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen zu werden, misslang. Denn der Mann aus Brauweiler gilt als Ziehsohn des Ex-Kanzlers und die beiden pflegen bis in die Gegenwart eine intensive politische Beziehung. Rüttgers hatte keinen schlechten Wahlkampf geführt und die SPD auch empfindlich geschwächt, aber den Trend gegen eine in ?Aufklärer? und ?Alt-Kohlianer? gespaltene Union konnte auch er nicht aufhalten. (Er hat sich nie von seinem Ziehvater Kohl distanziert, auch wenn es für ihn bequemer gewesen wäre.) Die Zeit für einen Wechsel in NRW war dann aber 2005 überreif und dieses Mal profitierte der Mann aus Brauweiler vom Trend gegen Rot-Grün im Bund. Aber dies allein machte Rüttgers nicht zum Landesvater. Er hatte es als Oppositionsführer verstanden, sich als ?neuer Johannes Rau?, als Mann der Bevölkerung, zu etablieren und durch eigene geduldige politische Vorstöße den Anspruch politischer Macht manifestieren können ? in Abgrenzung zu den ungeliebten Technokraten Wolfgang Clement und Peer Steinbrück.

Als Ministerpräsident setzt Rüttgers durchaus Akzente und versucht sich als ?Arbeiterführer? zu profilieren. Doch Rüttgers ist kein Sozialdemokrat, so der Verfasser, sondern ein Mann in der Tradition Walther Euckens und Ludwig Erhards, der das Soziale im Rahmen marktwirtschaftlicher Prinzipien betont. Aber er sei auch kein Merz. Dem Ministerpräsidenten sei es zu verdanken, dass die Region in kultureller Hinsicht dazu gewinnt, was der Rezensent als Westfale bestätigen kann. Dass das Ruhrgebiet zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 erhoben wurde, ist sicher dem unermüdlichen Engagement des Ministerpräsidenten in Kulturfragen zu verdanken.

Public Relations für Jürgen Rüttgers

Der Leser bekommt einen guten Überblick über den Lebenslauf von Jürgen Rüttgers. Die Stärke der Arbeit ist die Fülle an Interviews mit Protagonisten aus Rüttgers? persönlichem und politischem Umfeld. Doch dadurch erliegt der Verfasser der Versuchung, eine zu große persönliche Nähe zuzulassen und damit fast eine PR-Schrift für Jürgen Rüttgers zu schreiben. Richtige Kritik kommt nur bei Rüttgers? verfehlter ?Kinder statt Inder?-Kampagne zum Ausdruck, aber nach Kronenberg habe Rüttgers das ja nicht so gemeint sondern für die Eröffnung einer realistischen Integrationsdebatte geworben. Ob es Zufall ist, dass dieses Buch ein Jahr vor den nächsten Wahlen in NRW erscheint?
Der Leser, der sich der partiellen Einseitigkeit im Urteil bewusst ist, erhält als Belohnung einen dezidierten Überblick über das politische Leben von Rüttgers und die politischen Strukturen der CDU in der alten Bundesrepublik.

Kronenberg, Volker: Jürgen Rüttgers – Eine politische Biografie. Olzog Verlag. München 2008, Hardcover. 304 Seiten, Format 14,5 x 21,5 cm. ISBN 978-3-7892-8203-4. EUR 24,90

33 Maßnahmen gegen die Krise (mikroökonomisch)

Samstag, 4. Juli 2009

Kann der Schaden der Wirtschaftskrise für Unternehmen in Grenzen gehalten werden? Ja, meint Hermann Simon, Unternehmensberater und ehemaliger Professor für Betriebswirtschaftlehre an der Universität Mainz in seinem Buch 33 Sofortmaßnahmen gegen die Krise. Der betriebswirtschaftliche Blick auf die Krise hat Einiges für sich, denn auf dem Markt dominieren volkswirtschaftliche Diagnosen und panische Prognosen.

Geschwindigkeit der Krise erfordert Reaktion

Die Hauptthese des Buches scheint simpel, denn sie lautet: In der Krise müssen Unternehmen von lieb gewonnen Langfriststrategien Abschied nehmen und sich rein auf überlebensrelevante Handlungen fokussieren. Diese Annahme wirkt banal, aber sie trifft den Kern. Viele Unternehmen zeigen nicht jene Flexibilität, die nötig wäre, um von dem kleiner werdenden Verteilungskuchen das überlebensnotwendige Stück abzubekommen. Anschaulich zeigt Simon, was für Unternehmen wichtig ist: Wie ein Mensch über eine längere Periode ohne Essen auskommen könne, aber atmen müsse, so könne ein Unternehmen mittelfristig bei Erreichung eines gewissen Deckungsbeitrags überleben. Es sei für ein Unternehmen jedoch tödlich, dringende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Liquidität zu vernachlässigen, um langfristige Konzepte beharrlich zu verfolgen. So unlogisch handelt kein Unternehmen? Doch, zeigt Simon, leider. Und so wird die ohnehin dramatische Krise weiter verschärft und stürzt manches Unternehmen nicht notwendigerweise in die Insolvenz.

Preisnachlässe gefährlich

Das verständlich geschriebene Buch enthält einige Modellrechnungen zum Thema Preiselastizität. Dieser Indikator zeigt an, inwieweit sich die abgesetzte Menge bei einer Preisreduktion (oder Preisänderung allgemein) verändert. Simon, der über ein hohes Maß an innerbetrieblicher Erfahrung verfügt, zeigt, dass viele Unternehmen in der Krise instinktiv zum Instrument der Preissenkung greifen, um eine eingeplante Absatzmenge aufrecht erhalten zu können. Doch gewinnkalkulatorisch erweist sich dies oftmals als suboptimal. Während ein Absatzeinbruch um 5 % oft hinnehmbar ist, weil die Kalkulationsstruktur zwischen Fixkosten, variablen Kosten und dem Gewinnanteil unverändert bleibt, können frühzeitige Preiszugeständnisse zu unerwünscht negativen Hebelwirkungen in der Gewinnkalkulation führen.

Was in der Krise kaum funktioniert

Betriebswirtschaftliche Ratgeber überschlagen sich gegenwärtig in Bezug auf ?Zukunftsstrategien? für Unternehmen. Innovation, Diversifikation, Erschließung neuer Märkte, vertikale Integration, permanente Qualifizierung der Mitarbeiter sowie verschärfter E-Commerce sind hier top-gerankte Tags. Diese strukturellen Maßnahmen brauchen jedoch so viel Zeit zur Einführung und verursachen zunächst Kosten, so dass die ?Liquiditätsfalle? für die Unternehmen eher noch weiter verschärft wird, meint Simon. Deshalb sind seine Vorschläge für Anpassungen so konzipiert, dass sie das operative Geschäft kurzfristig beeinflussen können.

33 Maßnahmen ? zuerst Kundenbindung stärken

In der Krise ist es vorteilhaft, wenn ein Unternehmen hohe variable Stückkosten aufweist. Hier kann dann die Taktik der Mengenreduzierung effektiv angewandt werden. Von den 33 vorgeschlagenen Maßnahmen überzeugen die Hinweise, die eine verstärkte Kundenbindung betonen. Dabei sollen Kunden eher über Naturalrabatte und Service-Inklusivleistungen überzeugt werden als durch krude Rabatte, die Kosten verursachen und sich kaum von den Konkurrenten unterscheiden lassen. Ebenfalls wichtig ist der Hinweis, dass viele Betriebe, die ihre Mitarbeiter aus Rechtsgründen nicht entlassen können oder wollen, diese einfach innerbetrieblich umschulen können ? vom Innen- in den Vertriebsaußendienst beispielsweise (Insourcing). Der Prozess der Schulung von Insidern ist meist hat sich häufig als günstig und wirkungsvoll erwiesen. Es ist besser, wenn Mitarbeiter neue Felder probieren als ohne Beschäftigung auf ihrer unkündbaren Stellung zu hocken. Dazu sollte natürlich die schwächelnde Konkurrenz genau beobachtet und deren Kundschaft gezielte Angebote gemacht werden.
Die einzelnen von Simon aufgezeigten Maßnahmen sind nicht der ?neueste Schrei? ? in ihrer Überblicksstruktur erlauben sie jedoch ein vernünftiges Abwägen einzelner Maßnahmen. Sie zeigen kurz- und langfristige Erträge und Kosten diverser Betriebsentscheidungen auf.

Praxisnähe

Das Buch erfüllt den eigenen Anspruch in verschiedener Hinsicht. Es ist zügig und verständlich lesbar und bietet Unternehmern schnelle Ansatzmöglichkeiten für Veränderungen in der Krise. Die 33 Maßnahmen überschneiden sich zwar und führen zur ein oder anderen Redundanz, könnten für den einen oder anderen auch zu simpel wirken, aber insgesamt inspiriert der Checklisten-Charakter den wirtschaftlich Handelnden zur Überprüfung der eigenen Be- respektive Vertriebsstruktur. Die Praxisnähe ist die große Stärke des Buches. Nach seinem Bestseller Hidden Champions hat auch dieses Buch das Potenzial für einen weit gelesenen Ratgeber