Archiv für Mai 2009

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Sonntag, 31. Mai 2009

Ich bin vor allem tätig in den Blogs
* Ethischer Realismus
* New Christian Realism
Dieser Blog wird nur wöchentlich upgedatet. Christoph Rohde

Panel-Vorschlag: The constructive norm constituting power of religion in political realism

Mittwoch, 27. Mai 2009

Political realism in its classical version derives its analytical and predictive power out of its metaphysical base. While mainstream IR cannot accept such cognitivist assumptions, political realists dare to make explicit the values their theoretical assumptions are founded on.
In this paper I will introduce a three-step-model that shows how religion in Christian Realism?s understanding can be a constructive force for analysis and political governance. But it also identifies the dangers of religion in collective contexts.
In this paper I will (1) reconstruct the anthropological base of Christian realism. Niebuhr?s classification of man as a ?religious being? delivers a fruitful category that helps to understand cultural and religious conflicts of present times and phenomena like suicide terrorism. Niebuhr uses Christian Realism as a combination of moral values and rationalist categories that allow the construction and critique of both regulative and constitutive moral norm systems. In the next step (2), I will make use of Niebuhr?s famous dichotomy moral man and immoral society. This analysis makes evident the limits of optimistic models of philosophies of deliberation that believe in the collective power of arguments. Realism, however, attempts to build a bridge between individual reasoning and the results of manipulative collective bargaining by relying on more organic elements of community. The concluding remarks (3) contain a proposal for an communitarian ethics that combines local, regional and universalist ethical principles, following the steps of Michael Walzer?s ?spheres of justice?.

Die Psychologie der Börse (Rezension)

Samstag, 16. Mai 2009

einz-Kurt Wahren, Geschäftsführer einer Consulting Firma und Lehrbeauftragter für Betriebswirtschaft und Psychologie, unternimmt mit seinem Buch Anlegerpsychologie den Versuch, die Handlungsmotivationen und Verhaltensweisen von Anlegern aus differenzierten Perspektiven heraus verständlich zu machen. Sein Buch hebt sich von vereinfachenden populärwissenschaftlichen Schriften in wohltuender Weise ab.

Das Buch ist als kritischer Beitrag an bestehenden wirtschaftspolitischen Grundhypothesen angelegt. Weder ein markthöriger Neoliberalismus noch ein einfacher staatsinterventionistischer Keynsianismus erklären für ihn die komplexe Welt der Börse. Neben vereinfachender Wissenschaft kritisiert er eine Medienberichterstattung, durch welche die undifferenzierte Sicht auf die Anlageproblematik noch verstärkt wurde. Der Autor geht bewusst theoriegeleitet und multimethodisch vor. Seine Synthese betriebswirtschaftlicher, organisationssoziologischer und psychologischer Erkenntnisse macht den Mehrwert des Buches aus.

Risikoaverse deutsche Anleger

Die deutschen Anleger sind im internationalen Vergleich zwar sehr sparfreudig ? Deutschland hat eine Sparquote von 10,5 Prozent, die USA von 0,5 Prozent. Das heißt, der Deutsche legt gut ein Zehntel seines verfügbaren Einkommens zurück, der Amerikaner lediglich ein Zweihundertstel. Die Deutschen aber, so Wahren, legen ihr Kapital zu geringen Renditen an. Dies liegt vor allem daran, dass sie ihr Geld weit weniger als andere Bürger auf dem Aktienmarkt investieren.

Mit diesem Verhalten geht jedoch kein Mehr an Sicherheit einher, wie zu erwarten wäre. Denn die Geldanlagen in Investmentfonds und Lebensversicherungen seien auch nicht krisensicher, führen aber zu klaren Renditeabschlägen, so der Autor. Dies sei auch die Folge einer relativ stereotyp argumentierenden Ratgeberliteratur im Bereich der Finanzwirtschaft. Hier sieht sich der Verfasser explizit als Aufklärer, der dem Anleger den Weg zur mündigen Risikoanalyse weisen möchte.

Erkenntnisse aus der Glücksforschung

Das Verhältnis von Geld und Wohlbefinden beeinflusst das Verhalten von Anlegern in hohem Maße. Denn der Mythos des ?Geld macht glücklich? hat in unserer Gesellschaft weit stärkeres Gewicht als die Mär vom Hans im Glück, der die Möglichkeit zu materiellem Wohlstand als Banalität entlarvte und ein materiell bedürfnisloses Leben bevorzugte.

Da das Selbstbild von Menschen weitgehend davon abhängt, wie andere sie sehen, ist das Streben nach materiellem Reichtum eine wesentliche Strategie zur Gewinnung von Anerkennung und einem scheinbar zufrieden stellenden Selbstwertempfinden. Dieses ?Glücksempfinden? ist jedoch von nur kurzer Haltbarkeit, weshalb Menschen mehr solche Momente suchen und entsprechend höhere Risiken einzugehen bereit sind. Und wenn dann noch ihr Nachbar reich wird, möchten sie nicht zurückstehen und gehen ebenfalls ein Risiko ein, indem sie seine Strategie imitieren. So entsteht das von Gustave Le Bon so prominent geschilderte Herdenverhalten, das ständig oszillierende Bewegungen von Hype und Panik an den Börsen erzeugt.

Die unkalkulierbare Börse

Die Börse ist der Ort, wo die Preisbildung für Kapitalmarktprodukte stattfindet, das Zusammenwirken von Käufern und Verkäufern organisiert wird sowie die Informationen der Akteure in Bezug auf zukünftige Chancen und Risiken ausgetauscht werden. Die Preisbildung an Börsen verläuft jedoch nicht instrumentell-rational, wie dies klassische Finanzwissenschaftler wie Milton Friedman bis in die Gegenwart behaupten, sondern ist durch verschiedene Ausgangslagen wie unterschiedliches Wissen und differierende Risikokalküle geprägt.

Wahren (Bild links) bemüht Börsenkapazitäten vom Schlage eines Andre Kostolany oder George Soros, die die Bedeutungslosigkeit klassischer Theorien für den Erfolg an der Börse hervorheben. Die Börsenaktivität sei zu 90 Prozent auf psychologische Faktoren zurückzuführen, behaupten beide Protagonisten. Die Forschung trägt dieser Tatsache zunehmend Rechnung. Die klassische Wirtschaftstheorie gerät zusehend in die Defensive. Dazu weist der Verfasser darauf hin, dass viele Broker unter der Krankheit der Spielsucht leiden. Keine sehr ermutigende Aussicht, wenn man den Einfluss auf die globale Wirtschaft bedenkt!

Die Psychologisierung des Homo Oeconomicus

Die psychologische Forschung bemächtigt sich immer stärker der Wirtschaftswissenschaften. Besonders großen Einfluss in der Öffentlichkeit hat bis in die Gegenwart das 1895 erschienene Werk Gustav Le Bons, dessen Psychologie der Massen das Überschwängliche, Impulsive, Irrationale, Triebhafte und Herrschsüchtige der Massen betont. An der Börse wirken sich diese Kräfte wie folgt aus: Die gemeinschaftlich aufgebaute Illusion eines zukünftigen Reichtums führt zu Effekten kollektiver Ansteckung, der mitunter große Populationen zum Opfer fallen, die sich unkritisch verlockenden Angeboten und Versprechungen hingeben.

So plausibel dieses Bild auf den ersten Blick erscheint, so begrenzt ist es jedoch auf die komplexe Wirklichkeit der Finanzmärkte anwendbar. Denn zu heterogen sind die Modelle und Finanzmarktprodukte, als dass solch homogene Reaktionen denkbar wären. Eine andere Gefahr macht Wahren hingegen aus: Da Börsenentscheidungen vom Normalbürger per Mausklick in Sekundenschnelle durchführbar sind, werden diese zu hastigen und wenig überlegten, aber folgenreichen Entscheidungen verführt. Es sind gerade die atomisierten, autonom handelnden Individuen, die durch manipulative Internetangebote verführt werden können. Aus ihren Handlungen ergibt sich dann ein kollektiver Effekt. Die Behavioral Finance bindet Erkenntnisse der Neuropsychologie in die Analyse der Kalkulationen von handelnden Akteuren ein.

Nichtwissen als Riesenproblem

Wahren fordert den ?mündigen Anleger?. Um diesen nicht nur als Idealtypus zu konstruieren, liefert er Fragebögen zur individuellen Risikokalkulation mit und stellt verschiedene Portfolio-Strategien vor. Ohne dass deren reale Wirksamkeit genau geprüft werden kann, führt der Verfasser den Leser auf den Weg der Selbstreflexion. Dies ist sein Ziel, denn er möchte die Methoden etwaiger Banken und Anlageinstitutionen enttarnen, die mit falschen Versprechungen und übertriebenen Kampagnen sowie übertriebenen Renditeangeboten eine Rattenfängerfunktion übernommen haben. Zwar nennt der Verfasser keine Namen, aber er kritisiert die unheilige Allianz zwischen Banken, Medien und anderen Anlageinstituten, die das Nichtwissen der Menschen weidlich auszunutzen wüssten. Denn die Risiken verfehlter Kapitalmarktanlagen tragen zumeist nicht die Provision kassierenden Vermittler, sondern die Anleger selber.

Dieses Buch verbindet in vernünftiger Weise klassische und moderne theoretische Ansätze zur Finanzmarktanalyse und stellt dem Anleger praktische Tipps zur Verfügung, wie er seine Anlageentscheidungen strukturieren kann. Dabei unterscheidet sich Wahrens Werk fundamental von den Ratgebern, die schnellen Reichtum versprechen. Der mahnende Charakter lässt den Band gerade in Krisenzeiten als wertvollen Weckruf erscheinen. Durch seine Vielseitigkeit ist er sowohl für kritische Anleger als auch für Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler geeignet.

50 Jahre Geschwister-Scholl-Institut München – kein Grund zum Feiern

Sonntag, 10. Mai 2009

Das einst renommierte Geschwister-Scholl Institut für Politikwissenschaft (GSI) der Ludwig-Maximilians-Universität feierte Ende April sein fünfzigjähriges Bestehen. Doch die glorreichen Zeiten sind vorbei.
Podiumsgespräche und -diskussionen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland und dem Ausland zu aktuellen Themenschwerpunkten in den drei Panels ?Politik und Religion?, ?Governance und internationale Beziehungen? sowie ?Europa und strategische Zukunftsfragen? bildeten den ?Festrahmen? bei der Veranstaltung zum 50. Geburtstag. Mit Otto Schily war ein Stargast da. Aber aus der internationalen Akademia hielt es kein Großer für nötig, diesem Datum die Ehre zu geben. Die wissenschaftliche Reputation des Instituts ist aufgrund kleingeistiger Verengung der Perspektive vollständig verloren gegangen. Dies zeigt, wie weit es mit diesem Institut gekommen ist. Eric Voegelin war einer der Granden, die dieses Institut im Jahre 1958 gegründet hatten. Unter der Führung von Gottfried-Karl Kindermann erhielt es den jetzigen Namen Geschwister-Scholl Institut. Deren Werte konnten aber aufgrund interner Querelen nicht einmal verbal umgesetzt werden.
Das Institut brachte mit Kurt Sontheimer, Margareta Mommsen, Gottfried-Karl Kindermann, Hans Maier, Werner Weidenfeld, Henning Ottmann und Julian Nida-Rümelin renommierte Forscher auf seine Lehrstühle. Aber es war auch die Quelle ständigen kleingeistigen Streits (berühmt Mayer-Tasch versus Sontheimer).
Leider kommt es durch die Mangelausstattung zur akademischen Ausbeutung des Nachwuchses. Unter dem Druck knapper Mittel müssen viele Lehrbeauftragte für null Euro ?arbeiten?, ihre ?Läuterung? auf dem Weg in eine höchst ungewisse akademische Zukunft. Der Verfasser dieser Zeilen kann davon zeugen. Das GSI produziert wie andere deutsche Institut viel ?akademisches Proletariat?. Wer als junger Wissenschaftler weiter kommen will, muss sich entweder überkonform verhalten oder schnell seine Zelte woanders aufbauen. Gute Professoren werden bei diesen Bedingungen verjagt (Uwe Wagschal, Christopher Daase, Julian Nida-Rümelin) oder haben mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Der einzige Lichtblick ist das Centrum für Angewandte Politikforschung (CAP) unter Werner Weidenfeld, das aber eine quasi-autonome Existenz beanspruchen kann, weil es weitgehend drittmittelfinanziert ist.
Es spricht für das ?Niveau? am Institut, dass einer ihrer Mitbegründer nicht einmal zur ?Feier? eingeladen war. Dem Kultusministerium in Bayern sollte man die Empfehlung geben: Entweder richtig fördern oder schließen? die Produkte an akademischem und sozialem Kapital, die das Institut in diesem Zustand erschließt, sind auf bedauernswertem Niveau.

Ist der Lissabonner Vertrag ein Fortschritt? Eine Rezension

Freitag, 8. Mai 2009

Das Centrum für Angewandte Politikforschung (CAP) hat mit dem Sammelband Lissabon in der Analyse einen Beitrag zum aktuellen Integrationsstand der EU in verschiedenen Politikfeldern veröffentlicht. Ausgangspunkt des von Werner Weidenfeld herausgegebenen Bandes bilden die abgelehnten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden vom Juni 2005 und die Weigerung der Iren im Juni 2008, den modifizierten EU-Reformvertrag zu akzeptieren.

Die Texte evaluieren – unabhängig vom Ergebnis des irischen Referendums – die Reformergebnisse des Lissabonner Vertrages in Bezug auf die europäischen Institutionen und die nationalen Parlamente, bevor einzelne Politikfelder (Justiz und Inneres, Wirtschaft, Währung und Haushalt, Außen- und Sicherheitspolitik, Energiepolitik) unter die Lupe genommen werden. Abschließend werden die Konsequenzen des neuen Vertragswerks bewertet, indem die Maßstäbe Handlungsfähigkeit, Identitätsbildung und Demokratiefähigkeit an selbiges angelegt werden.

Wider die Marginalisierung Europas

Werner Weidenfeld weist in seinem einführenden Beitrag auf die lange konstitutionelle Geschichte der Europäischen Union hin. Es habe mehrfach Versuche zur Einführung einer Verfassung gegeben, die jedoch stets an besonderen politischen Umständen oder nationalen Interessen scheiterten. Nach der Gründung der Montanunion im Jahre 1951 versuchten deren Mitglieder eine Europäische Politische Gemeinschaft zu etablieren. Dieser Versuch konnte jedoch aufgrund der ablehnenden Haltung des französischen Parlaments in Bezug auf die damit verbundene Verteidigungsgemeinschaft (EVG) nicht realisiert werden.

Im Folgenden scheiterten mit den Fouchet-Plänen (1962) und einer verfassungsähnlichen Erweiterung der Rechte des Europäischen Parlaments (1979), das ab 1979 direkt gewählt werden konnte, weitere Versuche einer politischen Union. Die Durchsetzung des Vertrags von Lissabon ist, so Weidenfeld, jedoch notwendig, um den europapolitischen ?Wildwuchs? zu beenden. Ansonsten würde die EU aufgrund mangelnder, einheitlicher Handlungsfähigkeit international marginalisiert. Und man könne den drängenden Herausforderungen – als Stichworte seien genannt: internationaler Terrorismus, organisierte Kriminalität, Wettbewerbsdruck, Migration, Ressourcenknappheit und Klimawandel – nur wenig entgegensetzen.

Wenig Änderungen am institutionellen Design

Sarah Seeger hält die Veränderungen der EU durch den Vertrag von Lissabon für substanziell, aber nicht revolutionär. Zwar gehe der Reformvertrag über die Bestimmung von Nizza hinaus, er bestätige jedoch ?die der Union inhärenten Spannungsverhältnisse? zwischen den einzelnen Akteuren und Institutionen. Die EU würde kein Superstaat, meint Seeger, weil die Konkurrenzsituation zwischen supranationalen und intergouvernementalen Vorstellungen weiter konserviert werde. Allerdings gäbe es einige positive Regelungen in Bezug auf die Außendarstellung der Union: Der vorgesehene EU-Außenminister, der allerdings nicht so heißen darf, gibt der Union ein Gesicht, was für die öffentliche Darstellung bedeutsam ist, so die Münchner Politikwissenschaftlerin.

Einheitlicher Rahmen für die Innen- und Justizpolitik

Der rechtliche Rahmen europäischer Kooperation im Bereich der Innen- und Justizpolitik wird durch den Reformvertrag gestärkt, findet Michael Bauer. Die Tatsache, dass das Europäische Parlament an den Entscheidungen in diesem Politikfeld beteiligt wird, spricht für eine Vertiefung der Union. Der rechtliche Status Quo wird dadurch verändert, dass dieses Politikfeld in einen einheitlichen rechtlichen Rahmen zurückgeführt wird. Politisch bedeutsame Entscheidung in den Fragen der Asyl- und Migrationspolitik könnten so besser mit sicherheitspolitisch relevanten Fragen der Bekämpfung von Terrorismus und organisierter Kriminalität gekoppelt werden.

Der CAP-Mitarbeiter hält es für einen Fortschritt, dass der Lissabonner Vertrag auch flexible Kooperationen unterhalb der Schwelle hoher EU-Politik erlaubt, wie sie im Schengen-Abkommen bereits eine eingeübte Praxis darstellen. Insgesamt müssten die kollektiven Güter Sicherheit und Freiheit jedoch stets neu austariert werden. Somit hätten die Regelungen des Vertrages von Lissabon keinen Endgültigkeitanspruch, sondern blieben Wegmarken in einem dynamischen Prozess.

Wirtschafts- und Währungspolitik: Weiterhin eine Schönwetterveranstaltung?

Der Sitz der Kommission in Brüssel: Sitzen hier bald die Wächter der nationalen Finanzpolitiken?
Vielleicht sind manche der Regeln des Vertragswerks durch die Dynamik der Banken- und Wirtschaftskrise der Gegenwart schon wieder überholt. Unabhängig von den zukünftigen Entwicklungen, so /e-politik.de/-Autor Roman Maruhn, können sich Neuerungen von Lissabon in der Wirtschafts- und Währungspolitik sehen lassen. So wird der Euro als Symbol der europäischen Einheit gestärkt. Die Europäische Kommission soll eine Art Wächterin nationaler Finanzpolitiken werden. Viel Spaß, kann man sagen, wenn man sieht, wie unterschiedlich die Reaktionen der nationalen Regierungen auf die globale Rezession ausfallen. Gerade diese Beispiele zeigen wieder einmal, dass sich die Staaten selbst am Nächsten sind und dass die europäische Integration oftmals eine Schönwetterveranstaltung bleibt.

Sicherheitspolitik und Diplomatie: Symbolische Fortschritte

Thomas Bauer und Franco Algieri sehen symbolische Fortschritte im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik der EU. ?Der Vertrag von Lissabon ermöglicht im Bereich der europäischen Außenpolitik eine stärkere Identitätsbildung. Durch die Einrichtung eines diplomatischen Dienstes, mit einer Art EU-Außenminister und durch die Wahl eines Ratspräsidenten der EU kann die Kontinuität europäischer Politik auf internationaler Ebene gestärkt werden?. Doch bleiben die nationalen Interessen an erster Stelle. Flexible Formen der Zusammenarbeit, in dem Vertrag als explizite Möglichkeit genannt, erinnern mehr an eine ?Koalition der Willigen? denn an eine integrierte Außenpolitik. Diese wird dann doch eher durch gemeinsame Aktionen wie den Einsatz gegen die Piraterie am Horn von Afrika entwickelt.

Energiepolitik: Demonstration fehlender Handlungsfähigkeit

Jürgen Turek und /e-politik.de/-Autor Florian Baumann beackern das wichtige Feld der Energiepolitik. Die Bemühungen um eine konsistente Energiestrategie sind bis jetzt in den Kinderschuhen steckengeblieben. Dies liegt an bilateralen Energieverträgen einzelner Mitgliedsstaaten wie an der fehlenden vertraglichen Implementierung energiepolitischer Kompetenzen, die über die Sachbereiche Binnenmarkt und Umweltpolitik hinausgehen. Die Autoren sind skeptisch: So viel ändere auch der Lissabonner Vertrag nicht daran. Obwohl Versorgungssicherheit und Klimaschutz zentrale Politikfelder der Zukunft darstellen, sind hier Fortschritte nur langsam möglich. Die Handlungsunfähigkeit Europas in der Gaskrise vom Januar 2009 zwischen Russland und der Ukraine bestätigen dieses Urteil.

Wichtige Zusammenschau

Das Referendum in Irland hat bewiesen, dass die EU künftig mehr politische Führung und Flexibilität benötigt, will sie das Image des bürokratischen Monsters ablegen. Der Glaube an eine Finalität der Integration ist in weiten Kreisen von Politik und Wissenschaft jedoch durch offenere Konzepte wie ein ?Europa unterschiedlicher Geschwindigkeiten? ersetzt worden. Der Vertrag von Lissabon ist ein Versuch mehr Bürgernähe herzustellen. Für Forschende, Studierende und eine interessierte Öffentlichkeit ist es deshalb vorteilhaft, über eine gut strukturierte Analyse des Lissabonner Vertrages zu verfügen, wie sie hier vorliegt. Die Einteilung in die Politikfelder überzeugt, denn das Sujet ist teilweise harter Tobak, so dass der Leser dankbar ist, dass er sich durch die Gliederung auf sein spezifisches Erkenntnisinteresse konzentrieren kann.

Weidenfeld, Werner (Hrsg.),
Lissabon in der Analyse ? Der Reformvertrag der Europäischen Union

Die ambivalente Rolle der Gewerkschaften

Samstag, 2. Mai 2009

Wofür stehen die Gewerkschaften in der Gesellschaft? Die Gewerkschaften waren zu Beginn ihrer Existenz eine starke gesellschaftsverändernde Kraft, dorthin müssen sie zurück. Denn seit der Wachstumspfad in eine Richtung geht, seit dem „Wirtschaftswunder“, waren die Gewerkschaften Agenten im Verteilungsspiel, aber ihre Forderungen beschränkten sich auf rein materielle Ansprüche. In der konzertierten Aktion waren die Gewerkschaften systemloyale Partner, dies war auch gut so. Sie grenzten sich gegen vulgärlinke Positionen zu Recht ab. Heute aber reicht das nicht mehr.
Die Gewerkschaften müssen die Führung beim Bau einer Gesellschaft werden, die nicht mehr so stark an den klassischen Erwerbsbegriff gebunden ist. Sie müssen für die ganze Gruppe des Prekariats Ansprechpartner sein, auch wenn diese keine Beiträge zahlen kann. Aber die Gewerkschaften könnten die Interessen der Atomisierten integrieren und politische Forderungen effektiver durchsetzen helfen. Die Krise ist die Chance auch für die Gewerkschaften, wieder eine breitere Rolle einzunehmen…