Archiv für April 2009

Michael Walzers Sphären der Gerechtigkeit

Donnerstag, 16. April 2009

Michael Walzer (*1935) gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Politischen Philosophie in den Vereinigten Staaten. In seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit: ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit“ vertritt er die These, dass die menschliche Gesellschaft eine Verteilungsgesellschaft ist, die Güter produziert und untereinander verteilt. Damit dies gerecht geschehen kann, muss es eine ?komplexe Gleichheit? geben. Deshalb teil er das gesellschaftliche Leben in Sphären ein, in denen die Güter nach unterschiedlichen Prinzipien verteilt werden. C 245 b – 09/2
Dr. Christoph Rohde · DGB-Haus · Schwanthalerstr. 64 · Raum 007 · D

Lest wieder Christlichen Realismus: Reinhold Niebuhr

Donnerstag, 9. April 2009

Bis vor Kurzem hätte man das Buch von Reinhold Niebuhr als zeitgeschichtliches Dokument aus dem Kalten Krieg gelesen. Doch weit gefehlt: Die Krise der Gegenwart zeigt, dass die reine Lehre der sozialen Konstruktion nicht funktioniert, wenn sie die Beschränkungen einer realistischen Anthropologie nicht berücksichtigt. Eine schleichende Entindividualisierung in der Gesellschaft, die auch philosophisch in Mode gekommen ist, führt in Krisenzeiten nicht selten zu einer Renaissance traditioneller Werthaltungen und zum Wunsch nach kohärenten gesellschaftlichen Strukturen. Der Christliche Realismus Reinhold Niebuhrs konstituiert diesbezüglich eine wirksame Sozialethik aus einem spezifischen Menschenbild heraus. Sein Modell basiert auf biblisch-augustinischen Prämissen. Die absolute moralische Willensfreiheit des Menschen wird in den Vordergrund gestellt und bildet einen Kontrapunkt zu den semi-deterministischen systemtheoretischen Ansätzen aus der Schule eines Niklas Luhmann einerseits oder poststrukturalistischer Ansätze à la Foucault andererseits, welche dazu tendieren, die soziale Gebundenheit menschlichen Verhaltens überzubetonen und die Verantwortlichkeit für sein Handeln unterzubewerten. In den Zeiten, in denen im Namen eines pseudo-liberalistischen Monismus das Ende der Geschichte ausgerufen und institutionelle Systeme kreativen Betrugs ohne jede Haftungsregeln etabliert wurden, weil sich die Herren des ?Kapitalismus? zu ?Masters of the Universe? (Paul Krugman) aufgeschwungen haben, ist es von besonderem Wert, diese Aufsatzsammlung von Reinhold Niebuhr aus Gegenwartsperspektive heraus zu rezipieren.
Am Punkt der Verantwortlichkeit fürs individuelle Handeln im individual- wie auch sozialethischen Sinne setzt Niebuhrs Denken in Christlicher Realismus und Politische Probleme an. Denn der radikalindividualistische Christliche Realismus macht den Menschen zum entscheidungsfähigen Akteur, der aller systemischer Handlungsbeschränkungen zum Trotz im Prinzip den Entscheidungsprimat behält. Das Christentum macht den politisch handelnden Menschen rechenschaftspflichtig, aber es warnt ihn ebenso davor, seine Rolle als Schöpfer zu überschätzen und seine Rolle als Geschöpf mit seinen Handlungsbeschränkungen zu verdrängen. Niebuhr bekennt sich explizit zur methodologischen Simplifizierung eines akteurszentrierten Ansatzes, aber er begründet sie mit einem heuristischen Mehrwert gegenüber systemischen Ansätzen. Auf den Begriff System verzichtet Niebuhr überdies keineswegs: Für ihn konstituieren einfache Dichotomien die sozialen Systeme. Das Problem der menschlichen Herrschaft steht aufgrund der angenommenen Sündhaftigkeit seines Wesens im Mittelpunkt der Analyse. Zwischen der Scylla der Anarchie und der Charybdis des Totalitarismus oszillieren menschliche Gemeinschaften. Eine Verwirklichung relativer Gerechtigkeitskonstrukte, die aufgrund der menschlichen Natur möglich ist, basiert auf einem inner- wie zwischenstaatlichen Mächtegleichgewichtssystem. Im Gegensatz zu normorientierten Ansätzen vertraut Niebuhr primär auf die Kontrolle der menschlichen Natur beim Design einer strukturierten Gesellschaftsordnung. Hierbei ist ein relativer Ausgleich der Machtsysteme innerhalb einer Gesellschaftsordnung durch einen sich balancierenden Pluralismus zu erreichen. Für Niebuhr ist eine von Metaphysik befreite Welt deshalb gefährlich, weil sie substitutive Säkularreligionen produziert, deren Anspruch totalitär und in Verbindung mit einem linearen Fortschrittsglauben kaum kritisierbar sei: ?Unser Problem liegt darin, dass die Technik eine rudimentäre Weltgemeinschaft errichtete, sie aber weder organisch noch moralisch integrierte. Sie schuf eine Gemeinschaft gegenseitiger Abhängigkeit, aber nicht gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Vertrauens.? (S. 23)
Besonders kritisch äußert sich der Theologe gegenüber beiden großen Ideologien des Kalten Krieges. Dem Marxismus wirft er ein verfehltes Menschenbild und jeglichen Verzicht auf Machtkontrolle vor, was zu den aus der Sowjetunion bekannten Exzessen des Totalitarismus geführt habe. Denjenigen, welche in den Zeiten der Krise des Kapitalismus eine Renaissance marxistischer Ideologien einläuten wollen, würde Niebuhr widersprechen. Andererseits aber kritisiert er auch einen liberal-konservativen Dogmatismus, der die ?Früchte des freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte? überbetone, da in diesem Spiel das Missverhältnis der Kräfte zu groben Ungerechtigkeiten führe. Mag man diese Gedanken für banal halten, so waren sie zu Anfang der fünfziger Jahre durchaus originell, und sie behalten ihren Wert, wenn man die Analyse in Bezug setzt zu Niebuhrs demokratietheoretischen Überlegungen. Denn hinsichtlich des Kampfes der Anschauungen sagt Niebuhr: ?Eine gesunde Demokratie gibt niemals ihre ganze Macht den Vertretern irgendeines Dogmas. Alle Ansprüche auf Wahrheit beobachtet sie mit kritischem Auge? auf solche Weise gewinnt sie ein kleines Maß Wahrheit aus einem Konflikt des Irrtums.? (S. 49) Wenn man erkennt, in welcher Weise sich die westlichen Demokratien zu Komplizen eines unregulierten Kapitalismus gemacht und diese Wirtschaftsform für politisch neutral erklärt haben, zeigt das, wie wertvoll es auch heute noch ist, Niebuhr zu lesen. Aus einem anderen Werk stammt dieses ultimative Wort, das Niebuhrs paradoxe, aber wirkungsvolle Botschaft perfekt wiedergibt: ?Des Menschen Anlage zur Gerechtigkeit macht Demokratie möglich; aber des Menschen Neigung zur Ungerechtigkeit macht Demokratie notwendig.?