Archiv für März 2009

Paul Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise – Rezension

Sonntag, 29. März 2009

Paul Krugmans neues Werk Die neue Wirtschaftskrise zeigt auf, dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise das Resultat mangelnder Regulierungsbemühungen einerseits und einer unverantwortlichen Politik der Zentralbanken der letzten Jahre andererseits ist. In verständlichen Worten führt der Princeton-Ökonom in zentrale Prinzipien der Geldpolitik ein.
Paul Krugman legt in zehn Kapiteln die Gründe dafür dar, warum es zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg kommen konnte. In zehn Kapiteln behandelt er die Entwicklung des ökonomischen Systems unter Berücksichtigung von Faktoren wie überhörten Warnungen, zu Unrecht mythologisierten Persönlichkeiten, stets gleichgerichteten kurzfristigen Problemlösungsstrategien und der Existenz von unregulierten Schattenwirtschaften. Im Vorwort aber bekommt die deutsche Bundesregierung ihr Fett weg, die einen überholten Stabilitätsbegriff verfolge und in der Krise unangemessen und zu zögerlich agiere, indem sie keine oder zu kleine Konjunkturprogramme durchführe.

Der große Irrtum

Die Tatsache, dass ?der? Kapitalismus als einzig mögliche unfehlbare Wirtschafts- und Gesellschaftsform nach Ende des sozialistischen Zeitalters gefeiert wurde, hatte psychologisch desaströse Folgen. Denn Ökonomen wie Robert Lucas von der Universität Chicago hätten vorschnell das Ende konjunktureller Krisen vorausgesagt. Dieses einfache liberale Weltbild hinterfragt Krugman und stellt fest, dass sehr viele Nationen nach dem Fall des Ostblocks in Schwierigkeiten geraten sind, da die Transformation ihrer Ökonomien ihre Wettbewerbsfähigkeit erheblich geschwächt habe. Die Situation in Ostdeutschland vergleicht er gar mit der Situation im süditalienischen Mezzogiorno, das wirtschaftlich schwach und politisch kaum regierbar ist. Krugman selber hatte mit seiner Strategischen Handelstheorie seit zwei Dekaden für eine beschränkte Version freier Marktwirtschaft auch im globalen Maßstab plädiert. In manchen Branchen seien Subventionen und auch vorübergehende Schutzmaßnahmen für eine nationale Wirtschaft angesagt ? aus politischen und ökonomischen Gründen.

Falsche Schlussfolgerungen

Bereits in den neunziger Jahren gab es mit der Asien-Krise und der Tequila-Krise (Peso-Krise in Mexiko) Wirtschaftskrisen, die zeigten, dass Währungsstörungen selbst in kleinen Ländern zu großen Auswirkungen führen konnten. Unkoordinierte Abwertungen der Währungen von Ländern wie Thailand, Argentinien und Mexiko hatten zu massiven Kapitalfluchtbewegungen von Anlegern geführt, wodurch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung dieser Volkswirtschaften gestört worden war. Aus den Krisen wurde fälschlicherweise gefolgert, dass die Probleme rein nationaler Art gewesen seien. Ein Irrtum, so Krugman. Das zweite Missverständnis betrifft die Art der Kurierung der Probleme. Der Internationale Währungsfonds hatte in kurzer Frist ein milliardenschweres Rettungspaket für Mexiko auf die Wege gebracht, welches die Krise schnell überwinden half. Daraus schloss man, die globale Währungssituation stets unter Kontrolle zu haben. Vergessen wurde, dass die USA ein besonderes Interesse daran hatten, eine schwächelnde Wirtschaft in ihrer Region zu stabilisieren, so dass hier eine politische Ausnahmesituation vorlag. Der Internationale Währungsfonds, getrieben von Allmachtsfantasien, deregulierte jedoch die Finanzmärkte immer weiter und forderte von weniger entwickelten Nationen, ihre Märkte radikal zu (neo-)liberalisieren.

Geldpolitik vorstellbar gemacht

Das Sujet der Geldpolitik ist für den Laien, aber selbst für Fachleute in seiner Komplexität kaum zu verstehen. Deshalb vereinfacht Krugman die Darstellungsweise dieses schwierigen Mechanismus. Anhand eines Babysitterdienstes in Manhattan, der durch wechselseitige Dienste für Paare mit Kindern Ausgehgelegenheiten herstellt, zeigt der Starökonom, dass alle Mitglieder des Dienstes davon profitieren, wenn Coupons ausgegeben werden, die die Bezahlung für geleistete Dienste und den Anspruch auf eigene Inanspruchnahmen beinhalten. Und an diesem Alltagsbeispiel gelingt es ihm klarzumachen, dass es in der Coupon (Geld-)politik zu Störungen kommen kann. Wenn nämlich viele der Teilnehmer am Babysitting-System im Winter babysitten und im Sommer ausgehen wollen, dann kommt es zu einem Ungleichgewicht auf dem Markt der Coupon-Verteilung. Die Coupons werden gehortet und für den Sommer aufbewahrt, während im Winter ein Überangebot an Coupons erwirtschaftet wird. Dieses Ungleichgewicht an Coupons kann nur durch ein Preissystem verändert werden. Babysitten im begehrten Sommer bringt mehr ein als im Winter. Und Ausgehen im Sommer ist teurer als im Winter. Es wird anhand dieses simplen Beispiels auch klar, warum die Ausgabe von mehr Coupons die ?Babysitterbranche? wieder in Schwung bringen kann. Dies ist ein Analogon zu einer Geldmengenausweitung in der Krise zur Ankurbelung privater Investitionen, wie sie gegenwärtig in übertriebener Weise praktiziert wird.

Masters of the Universe und Greenspans Blasen

Krugman bezeichnet die Investment-Banker als ?Herren des Universums?. Und er zeigt, wie es Hedgefonds gelang, mit Hilfe von Währungsspekulationen Milliarden zu verdienen. Der bekannteste Börsenspekulant, George Soros, hatte durch Spekulationen gegen das britische Pfund eine Milliarde $ Gewinn gemacht. Der Ökonom zeigt die Mechanismen solcher Hebelgeschäfte ebenso wie deren erhebliche Gefahren für die Stabilität des Währungssystems auf. Neben der Kritik an diesem System kriegt vor allem auch Alan Greenspan, langjährig vergötterter Chef der Amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, sein Fett weg. Ihm wirft Krugman vor, einseitig durch eine Politik des billigen Geldes falsche Anreize gesetzt und einen Prozess sich verstärkender Blasenbildungen ins Werk gesetzt zu haben. Greenspan habe nur deshalb Erfolg gehabt, weil er eine Aktienblase durch eine Häuserblase ersetzt habe.

Die Entwicklung eines Schattensystems

Im Boom werden Kompromisse bei Regeln gemacht. Krugman zeigt, wie die Einlagepflichten von Banken immer mehr gesenkt wurden. Für weit schlimmer hält er jedoch die Veränderung der Struktur des Finanzwesens. Konkret gesagt wuchs der Anteil von Anlagen außerhalb des klassischen Bankensystems, das der Princeton-Wissenschaftler als Schattenwirtschaft bezeichnet. Die Geld- und Kreditmärkte wurden immer mehr von langfristig riskanten und relativ illiquiden Anlagen durchsetzt, die durch sehr hochvolumige kurzfristige Verbindlichkeiten finanziert wurden. Diese Art der Finanzierung umging das Netz von Einlagesicherungen des klassischen Bankensystems und führte eben jetzt zu einer katastrophalen Verkettung an Zahlungsausfällen.

Gute, spannende Darstellung

Krugman ist erneut ein wichtiger Beitrag zur Diskussion ökonomischer Sachverhalte gelungen, der für ein breites Publikum zugänglich ist. Denn der Nobelpreisträger schildert Prinzipien ökonomischen Handelns und verzichtet auf schwierige technische Begrifflichkeiten, die nur Fachleuten zugänglich sind. Nur die einführende tagespolitische Kritik an der Bundesregierung hätte er sich sparen können. Ansonsten ist es wünschenswert, dass dieses Buch eine weite Leserschaft findet.

Einladung zur Sommerakademie nach Rom

Montag, 23. März 2009

Die Universalität der Stadt Rom

Ich biete ein Europa-Seminar vom 20.-25. September in Rom an. Näheres dazu s. unter
Sommerakademie in Rom Das Thema lautet: Risorgimento, Deutsche Einigung, tragischer Faschismus und Neuanfang in Europa – warum Italien und Deutschland Europa brauchen

Der folgende Kurs möchte die Urteilsfähigkeit und Diskussionsbereitschaft der Teilnehmer stärken und ihnen zeigen, inwieweit gegenwärtige Politik von historischen Prozessen beeinflusst wird. Dabei wird deutlich, dass die Europäische Union enorm von den Ideen und Rechtsvorstellungen der römischen und christlichen Kultur geprägt ist. Die römischen Verträge von 1957 waren der Beginn einer großartigen Integration ? Miteinander statt Gegeneinander. Das römische Reich integrierte unterschiedliche Kulturen, vergab Bürgerrechte und gewährte eine Identität, die im modernen Europa (noch) fehlt. Italien und Deutschland sind als ?verspätete Nationen?Der Kurs wendet sich an allgemein politisch Interessierte aus Italien und Deutschland, die den neuesten Stand der europäischen Integration erfahren und eigene Erfahrungen mit dem zusammenwachsenden Europa austauschen wollen. Das Ziel ist, die Distanz zu diesem historisch einmaligen Projekt zu überwinden. Die Teilnehmer lernen, die unterschiedlichen Motivationen und Perspektiven einzelner EU-Länder zu verstehen und zu vertreten.Orte: Das Besichtigen von Orten antiker und gegenwärtiger politischer und politisch-religiöser Herrschaft.

Das Phänomen FC Union Berlin – Eisern Union

Donnerstag, 12. März 2009

Für diese Menschen, die um mich herum auf der Gegengerade des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks standen und beim 2:1 durch Kenan Sahin in der 80. Minute in unbändigen Jubel ausbrachen, ist dieser Verein mehr als ein Fußballclub: Eisern Union steht für den Zusammenhalt einer Klasse von Menschen, die durch die Wiedervereinigung fast nur verloren hat. Von Christoph Rohde

Das Derby Union Berlin http://www.fc-union-berlin.de/start.php gegen Dynamo Dresden brachte traditionelle Rivalitäten an die Oberfläche: denn die Skandierungen im Jahn-Park ?Scheiß Dynamo? galten eigentlich nicht dem Gegner aus Dresden, sondern dem alten Stasi-Verein BFC Dynamo Berlin http://www.bfcdynamo.de/. Dieses Lieblingskind Erich Mielkes http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MielkeErich/index.html hatte in ?guten alten DDR-Zeiten? die Talente der Unioner zum BFC hin abkommandiert. Und so kommt es zur paradoxen Situation, dass Union Berlin gerade im feindlichen Jahn-Sportpark http://www.lsb-berlin.net/index.php?id=1049 den Grundstein für seinen Aufstieg in die zweite Liga legt. Die Mannschaft ist hier noch ungeschlagen. Das Team hat mittlerweile satte sechs Punkte Vorsprung vor den nächsten Rivalen SC Paderborn und Fortuna Düsseldorf und hat von den letzten zehn Spielen sieben gewonnen und drei Mal Remis gespielt. Die Alte Försterei, ihre Heimstätte, wird ja gerade neu gebaut, doch dazu später mehr.

Ein Verein der Basis

Union Berlin ist ein Verein des Volkes. Er verkörpert Nostalgie, Arbeit, Gleichheit und Zusammengehörigkeit. Die Menschen lechzen danach, dass ihre Arbeit, ihre Solidarität, ihre Ideenwelt Erfolg hat. Im realen Leben ist das nämlich oft weniger der Fall. Die Menschen in den Kapuzenpullovern definieren sich durch ihre Mützen und Schals, ihr cooles Outfit und ein wenig Versifftheit um sie herum. Hunde gehören dazu (nur nicht beim Spiel), ein wenig unpolitische Aufmüpfigkeit, sie sind im Grunde gegen Gewalt, gegen Diskriminierung, für Schwule und Ausländer. Aber dennoch trägt eine gewisse Aggressivität die Atmosphäre. Die Enterbten des Kapitalismus triumphieren nicht in der Krise, weil sich für sie nichts ändert, auch nicht zum Schlechten. Aber sie haben hier etwas, einen Sinnersatz, ein Berliner ?Mir san mir?-Gefühl, das stärkt und das ihre Kräfte mobilisiert. Die Menschen sind echt, stehen zusammen, feiern mit viel Bier in den Kneipen und sehen die Entwicklung des 1. FC Union geradezu als Wunder an.

Das eigene Stadion

Köpenick hat nicht nur seinen Hauptmann, sondern seine Alte Försterei. Dieser kleine Fußballplatz, in einem kleinen Wäldchen liegend, verkörpert den Kult des Vereins. Der kaum Stadion zu nennende Fußballplatz wird vergöttert. Erst seit einigen Jahren existiert ein kleines Flutlicht, auf das man stolz ist. ?Alte, alte, alte Försterei hallte es gegen Dresden durch den Jahnpark.
Die Fans bauen mit am eigenen Stadion, das profitauglich gemacht wird. Dies ist ein Vorbild für eine gelungene Communitas. Treppen wurden hochgezogen, die Stufen des Stadions neu betoniert ? ein einmaliges Gemeinschaftsprojekt http://www.rbb-online.de/_/gutenachrichten/beitrag_jsp/key=7817868.html von Verein und Fans. Lustig ist dabei, dass die Imbiss-Stände, die frei schwebend vom Hügel des Stehplatzbereichs herabhängen, nun ?Catering-Stationen? genannt werden. Ist dieser Anglizismus in Ost-Berlin opportun?

Analogien zum FC St. Pauli sind eigentlich evident, aber wenn diese beiden Vereine aufeinander treffen, dann gibt es dennoch eine Klopperei um den ersten Rang unter Autonomen. Insgesamt aber hat man etwas verpasst, wenn man diese offizielle Versammlung der ?Kiez-Kids? nicht kennen gelernt hat.

Ein wenig Stasi lebt noch

Nur: wo bleibt das Dach? Die Bauarbeiten haben sich zuletzt verzögert. Auf meine Frage an einen Ordner sagte dieser, er sei nur Wachpersonal und nicht befugt, darüber Auskunft zu geben, wann das Projekt fertig werde. Ist etwas schief gegangen? Sollte man bei einem Basisprojekt nicht offener sprechen? Der Junge erinnerte an einen Informellen Mitarbeiter der Stasi (IM), der die Chance auf eine große Karriere in der Normannenstraße gehabt hätte. Hier erinnert die Informationspolitik leider an frühere Zeiten. Aber ich bin beruhigt. Meine Auffassung, dass linke Strukturen immer etwas Totalitäres haben, wird erfahrungsgesättigt ? ist doch was. Aber es schmälert meine Bewunderung für diese Art Lebenskunst namens Union Berlin in keiner Weise. Für besonders treue und solvente Fans gibt es mit der EisernCard http://www.bluten-fuer-union.de/eiserncard.php eine lebenslange Dauerkarte für 2.222 Euro.

Sponsoren gesucht

Das Gespräch mit einigen Fans zeigt, dass sich diese über das Dilemma im Klaren sind, in welchem der Verein steckt. Steigen sie auf, brauchen sie viel mehr Geld. Auch wenn die Fernsehgelder von 800.000 Euro in der dritten auf mehr als drei Millionen in der zweiten Bundesliga in der Saison 2009/10 ansteigen könnten, hat der Verein weit größeren Finanzierungsbedarf. Begibt man sich in die Hände von Großsponsoren, droht der Verlust seiner Identität. Aber wie die Hymne es sagt: Wir lassen uns nicht vom Westen kaufen… Es bleibt nur eines, mit Nina Hagen nach vorne schauen: ?Eisern Union, immer wieder Eisern Union ? gemeinsam nach vorn ? Eisern Union?… http://www.youtube.com/watch?v=TvU8Akgk8YQ&feature=related

Michael Walzers Sphären der Gerechtigkeit

Dienstag, 3. März 2009

Michael Walzer (*1935) gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Politischen Philosophie in den Vereinigten Staaten. In seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit: ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit“ vertritt er die These, dass die menschliche Gesellschaft eine Verteilungsgesellschaft ist, die Güter produziert und untereinander verteilt. Damit dies gerecht geschehen kann, muss es eine ?komplexe Gleichheit? geben. Deshalb teil er das gesellschaftliche Leben in Sphären ein, in denen die Güter nach unterschiedlichen Prinzipien verteilt werden.
C 245 b – 09/2
Christoph Rohde · DGB-Haus · Schwanthalerstr. 64 · Raum 007 · Di 21.4.2008 · 18:00 Uhr – 20:00 Uhr · ? 5,– · · Tel.: 721006-31 / 32