Archiv für Dezember 2008

Die soziale Konstruktion der Krise

Sonntag, 28. Dezember 2008

Sogenannte Sozialkonstruktivisten wollen die Welt verbessern. Die „objektive Wirklichkeit“ zählt nicht und ist eine antiquierte epistemologische (wissenschaftstheoretische) Position – Positivismus der Einfachen sozusagen. Denn durch Normenbildungen, soziale Konventionen und Ideen, die durch soziale Praxis entstehen, wird die Welt geändern. Der Diskurs zählt, oder das Sinnsystem. Die Sozialkonstruktivisten glauben, dass die Welt durch die Entwicklung von Normen verbessert werden kann – alte Vorstellungen wie Vorurteile, Nationalismus oder Egoismus könnten überwunden werden. Nichts ist objektiv, alles fluid.
Nur: erinnert diese Mentalität des Fluiden nicht an die Konstruktion von „kreativen Wertpapieren“, deren „objektive Werthaftigkeit“ ins All gebucht wird? Führt diese sozialkonstruktivistische Luftbuchung nicht zu einer Politik und einem Denken von Verantwortungslosigkeit und Beliebigkeit?
Sind die objektiven makroökonomischen Kriterien nicht unbequem auf dem Weg zur Konstruktion einer Illusion? Kosteneffizienz, moderates stetiges messbares Wachstum… das ist spießig und schwäbisch. Nachhaltigkeit, ach… ich will doch was erleben…
Die Krise ist sozial konstruiert – wir brauchen einen ethischen Realismus…

Die Multiplizität der Krisen…

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Was ist so individuell an DIESER Wirtschaftskrise? Was unterscheidet sie typologisch von anderen Wirtschaftskrisen, auf die mit klassischen Instrumenten reagiert werden konnte?

1. Globaler Finanzverkehr weit intensiver als früher

Zwar ist die Phrase von der Originalität der Globalisierung eine Mär, aber ein dermaßen interdependentes, softwaregestütztes Finanzsystem, das alle Möglichkeiten zur Herstellung gezielter Intransparenz bietet, ist einmalig.

2. Strukturelle Krisen, die parallel gehen

Kombiniert kann man Krisen vorfinden, die parallel zueinander stattfinden. Aus einer lokal begrenzten Immobilienkrise wurde eine Finanzkrise, die aufgrund von Liquiditätsengpässen zu einer globalen realwirtschaftlichen Produktions- und Nachfragekrise wurde. Dazu kommen Krisen in der Orientierung. Die USA haben Leit- und Orientierungsfunktion verloren, während die westlichen Werte aufgrund moralischer Verfehlungen ebenso den Nachhaltigkeitsanspruch verloren haben – zumindest für einen großen Teil der Welt. Dazu spielen ökologische und Ressourcenfaktoren eine Rolle, die das gängige Wachstumsprinzip in Frage stellen.

3. Altklassische Lösungsansätze für moderne Probleme

Das größte Problem ist die Vertrauenskrise. Der Mensch mit seiner Gier und seinem Konformismus. Hier scheitern auch Lösungsansätze, weil Bänker sich nicht einschränken wollen und Eliten völlig versagt haben. Und Propheten, die das alles moralisch unakzeptabel nennen und echte Veränderungen fordern, gibt es nicht.

Die Krise der Krise der Krise…

Mittwoch, 17. Dezember 2008

In den USA ist der Leitzinssatz gegen null gesunken. Führt das zu mehr Kauffreude? Nein, denn die Banken-, Finanz- oder Wirtschaftskrise sind eine Vertrauenskrise.
Nach dem Ende des tit-for-tat Tauschhandels ist unser Wirtschaftssystem von bestimmten Ordnungsprinzipien und Haftungsregeln abhängig. Gegen diese wurde arglistig verstoßen. Die Krise ist keine, die durch mechanistische Geldpolitik behoben werden kann. Es ist eine Krise der Eliten, des Vertrauens – ein Indiz für Selbstherrlichkeit und Hybris. Vertrauen muss langsam aufgebaut werden, kann aber schnell zerstört werden. Wir werden uns auf längere Anpassungen gewöhnen müssen.

Die Spendierhosen-Hysterie

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Sparsame Menschen sind Kapitalverbrecher. So mutet die Vorgabe der Politik in diesen Zeiten an.
Der konsumfreudige Hedonist ist gefragt in einer Krise. Und die Politik als „Vorbild“ will eine Kultur des Ausgebens anregen. Auf wessen Kosten? Auf Kosten späterer Generationen. „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?“ könnten Steinbrück und Merkel sagen. Zu stark hängt die Angst vor Deflation und Krise – Vorbild Brünings Politik des knappen Geldes des Jahres 1930 – in den Kleidern der Politiker. Aber wie oft haben Konjunkturprogramme in der Geschichte gewirkt? Nicht oft. Das sollte zu denken geben. Es muss eine Strukturveränderung weg von bedingungslosem, unökologischem Wachstum geben. Seien wir für einige Opfer bereit.

Deutschlands falscher Öko-Wahn…

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Deutschland und Europa sind schon Vorreiter im Klimaschutz. Und die Industrie und die übrige Wirtschaft werden weiter ökologisch umstrukturiert. Nur ist es völlig falsch, die ohnehin schon gut trainierte Industrie durch nominelle Ziele in einer Wirtschaftskrise weiter zu belasten. Sämtliche Klimaziele berücksichtigen keine Vorleistungen, bei denen Deutschland ganz vorne liegt. Ähnlich verhält sich die Sache beim Atomstrom. Ohne Not wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu risikieren, das ist ökonomisch und sozial falsch!

Unsägliche Konsumgutscheine…

Dienstag, 9. Dezember 2008

Die Politiker zeigen eine Wahnsinns-Kreativität zur Konjunkturankurbelung. Aber auf der Strecke bleibt jede ökonomische Expertise. Konsumgutscheine sind Unsinn, denn:

  • Sie sind von der Bevölkerung nicht mal als Geschenk gewünscht
  • Die Pendlerpauschale wird eine Entlastung bringen
  • Crowding-out-Effekte – Verdrängung normalen Konsums – ist die Folge
  • Bürokratische Kosten sind enorm hoch und laden sogar zu Betrug ein
  • Zukünftige Generationen werden mit weiteren Schulden belastet
  • Konjunkturmaßnahmen sind nie zeitlich treffsicher (time lag-Effekt)
  • Es ist fast historischer Zufall, dass die Pendlerpauschale wieder vom 1. Kilometer wirksam wird. Das reicht aber auch als Konjunkturmaßnahme. Denn diese Krise sollte zu einer Umstrukturierung des Wirtschaftssystems führen, damit dieses weniger von sozialpsychologischen Hysterieanfällen abhängig bleiben wird. Eine neue Nachhaltigkeit ist gefragt.

Lügilanti hat auch manipuliert…

Sonntag, 7. Dezember 2008

Laut Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung hat Andrea Lügilanti in Hessen nicht nur legalen Druck auf die Abgeordneten ausgeübt sie zu wählen. Nein, sie hat auch noch ein Handy-Foto von deren Abstimmungsverhalten gefordert. Eine fast präzedenzlose Peinlichkeit. Aber man kann das ihrer ehrgeizigen, aber intellektuell unterlegenen Persönlichkeit zutrauen. Wird Hessen ein neues Schleswig-Holstein? Ein Wahnsinn. Als hätten wir keine anderen Sorgen als diese Provinzposse…

Die Kapitalbindungskosten steigen…

Freitag, 5. Dezember 2008

Was wurde uns nicht vorgemacht, wie große Auftragssvorräte die Unternehmen horten. Dass man selbst im Falle eines moderaten Abschwungs noch lange weiter arbeiten kann. Aber was passiert in der Krise? Quasi von heute auf morgen müssen ganze Produktionseinheiten geschlossen werden, bauen sich Lager auf, deren Kapitalbindungskosten enorme Risiken für die Bilanzen der Unternehmen darstellen. Was ist daraus zu lernen? Auch im und gerade im Boom sollte vorsichtig bilanziert werden. Aber auch hier wurden die Boni für Bilanzen kurzfristig ausgeschüttet – die Realwirtschaft scheint nicht weniger korrupt als die Finanzwirtschaft zu sein. Eine Mentalität des Umdenkens muss einsetzen – dringend !

Ackermanns Analyse – Konjunkturprogramme verpuffen

Dienstag, 2. Dezember 2008

Josef Ackermann, Buhmann der Nation, stellte sich der Münchner Runde, d. h. den Fragen von Herrn Gottlieb. Aber außer einigen allgemeinen Floskeln kam nichts Neues ans Licht. Ackermann räumte ein, dass die Vergütungssysteme für Manager zu kurzfristig angelegt waren – nämlich auf Jahresbasis. Es gab Boni bei Erträgen, wo es nicht darauf ankam, was letztlich am Ende für die Akteure herausspringen würde. Es ist wichtig, ein Bonus-Malus-System über längere Frist zu haben, wie es die Schweizer bereits eingeführt haben.

Ursachen der Krise

1. Amerikanische Regionalbanken haben die Krise ursprünglich verursacht. 2. Das Verbriefen und Verkaufen von spekulativen Produkten ging schief – die Preise für diese Produkte gingen runter – Wertberichtigungen waren die Folge. 3. Landesbanken zählten zu den Verlierern: da diese auf dem Kreditmarkt zu wenig verdienten, weil sie weniger wettbewerbsfähig waren als Privatbanken, gingen sie ein höheres Risiko ein. Zunächst hatten sie schöne Renditen, aber jetzt zahlen sie für das Risiko.

Zur Wirtschaftskrise

Ackermann glaubt, dass Steuerprogramme verpuffen. Frau Merkels Zurückhaltung in der Konjunkturpolitik hält der Chef der Deutschen Bank für weise. In Bezug auf seine Spareinlagen darf jeder von Sicherheit ausgehen. Demut und Bescheidenheit sind Qualitäten von vielen Bänkern. Aber es ist ein Spagat zwischen deutschen und globalen Erwartungen. Ackermann live und ehrlich, aber er lebt in mancher Hinsicht unempathisch in einer anderen Welt.

Philosophisches…

Montag, 1. Dezember 2008

Die Philosophie handelt von den Triebkräften, die bewusstes menschliches Handeln ausmachen. Was ist der Sinn? Was sind die Prinzipien des Handelns?
Als Vollzeitpolitologe muss ich die politischen Implikationen philosophischer Ansätze beachten. Die hier zu behandelnden Denker Foucault und Agamben sind kritische Denker, die sich fragen, in welcher Weise unsere neuzeitliche Staats- und Souveränitätsbegründung die globale Verbreitung der Menschenrechte gefährdet.

Wie passen die beiden Denker aber in die Philosophiegeschichte hinein?
In der Antike galt es für den Menschen, ein als gegeben gedachtes Lebens- und Handlungsziel ? die Eudaimonia, durch die Entwicklung persönlicher und institutioneller Charaktersysteme zu erreichen. Dabei wurde der Mensch als naturgegeben ungleich empfunden ? es gab Sklaven und die Bürger.

Die Wende zur Neuzeit führt zu einer Konstituierung des Subjektes ?Ich denke, als bin ich? ? die Vorstellung einer klaren Identität, die dann durch die Vertragstheorie methodisch aufgepäppelt wird. Der Mensch bei Hobbes und Machiavelli als Träger einer Rationalität, die der Selbsterhaltung dient. Der Mensch, zum Selbsterhalt gezwungen, einigt sich auf die Bildung eines Staates ? Herrschafts- bzw. Unterwerfungsvertrag. Der Herrscher muss seine Herrschaft bei Hobbes nicht begründen. Diese Art des Denkens entspricht mehr oder weniger der positivistischen Analysemethoden, die Machtquanten misst und zur Grundlage des Denkens und Handelns macht.
In den folgenden anspruchvolleren Vertragstheorien wird immer mehr Wert gelegt auf die Begründung von Herrschaft (deliberation). Herrschaft nicht durch reine hard power, sondern durch soft power, durch die Gewinnung der Bevölkerung durch Argumentation. Das Bürgertum macht sich ? wirtschaftlich gestärkt ? diese Argumentation politisch zu eigen und stellt die naturgegebenen Privilegien des Adels und die Feudalgesellschaft in Frage. Gewaltenteilung, Menschenrechte, französische und amerikanische Revolution sind die Folge. Es bilden sich pluralistische Gesellschaften heraus, die die Pfeiler der Demokratie bilden.
Aber das Experiment scheitert in mehreren Ländern, wo Faschismus die totale Vereinnahmung des Einzelnen bewirkt und sich der scheinbefreite Mensch in ein Tier zurückverwandelt. Auf der anderen Seite führen soziale Ungleichheiten zum Aufkommen kommunistischer Bewegungen, die wiederum in menschenrechtsverachtenden Autoritarismus abgleiten.
Die Sozialtheorie ist eine Antwort auf diese Degenerationen ? z. B. die Frankfurter Schule der Soziologie unter Adorno, Horkheimer, Habermas.
Die Sozialtheorie erfährt methodisch durch die Poststrukturalisten einen Durchbruch. Und hier ist Foucault ein wichtiges Bindeglied: Denn Foucault löst die Dichotomie
zwischen materieller Macht und sozialer Idee als normativ wünschenswerter moralischer Aufwertung auf. Macht wird bei Foucault im Diskurs ausgeübt, durch die ?Ordnung des Diskurses?, durch Tabusetzungen und Diskurshegemonie, ausgeübt wird. Macht wird durch den Weg sozialer Kommunikation ausgeübt und kann nicht weniger gefährlich sein als die krude materielle Macht.
Bei Agamben steht die Kritik der Grenzziehungen durch einen überholten (positivistischen) Souveränitätsbegriff im Vordergrund. Er fordert die Auflösung willkürlicher Grenzziehungen durch überlegene kosmopolitische Diskurse und die Konzeption einer Art von Weltbürgerrecht.