Archiv für August 2007

Die Welt ist flach – Entwicklungen in der Globalisierung

Dienstag, 28. August 2007

Thomas L. Friedman http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_L._Friedman
, angesehener Journalist der New York Times, hat mit seinem neuen Buch Die Welt ist flach versucht, die Entwicklungen der Globalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus ökonomischer Sicht darzustellen. Sein Weltbild wird nicht jeder teilen. Von Christoph Rohde

3 Phasen der Globalisierung

Friedman sieht die Globalisierung als langfristigen Prozess an, deren Folgen jedoch erst nach dem abrupten Ende des Kalten Krieges sichtbar wurden. Die politische Voraussetzung für die Durchsetzung weltweiter Prozesse in ökonomischer und kommunikationstechnologischer Hinsicht, die in der ?Globalisierung? kulminieren, verortet der Journalist im Fall des Eisernen Vorhangs. Ein Bewusstsein für die ?eine Welt? sei erst mit diesem globalen politischen Umbruch entstanden.
Der Starjournalist skizziert eine Genealogie dieses Prozesses. Die Globalisierung 1.0 beginnt laut Friedman mit der Entdeckung der neuen Welt durch Kolumbus und dauert bis zum frühen 19. Jahrhundert an. Hier ist der Wettbewerb der Nationalstaaten die Triebfeder, die zu Wettbewerb und technischer Innovation führt. Die zweite Phase verlegt er in die Periode von 1800 bis zum Jahr 2000. Die Weltwirtschaftskrise und die Weltkriege sieht er als Unterbrechungen innerhalb dieser Phase, in der die Interessen der Nationalstaaten durch die Kalkulationen multinationaler Konzerne abgelöst werden. Technologische Durchbrüche in der Hardware spielen hier die zentrale Rolle ? die Erfindung und Nutzung der Eisenbahn, des Telefons, des Autos und des Flugzeuges. Die dritte Phase der Globalisierung (3.0) ist die Welt des Individuums. Nicht mehr die großen sozialen Einheiten, sondern die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, bedingt durch nie gekannten und vereinfachten Technologietransfer für eine breite Masse zeichnen diese gerade erst begonnene Phase aus.

Gute Darstellung der digitalen Revolution

Das, was die ?flache Welt? für Friedman ausmacht ist, die globale Verbreitung des Personalcomputers sowie die Verbundenheit dieser über Glasfaserkabel, so dass es für Millionen von Individuen möglich geworden ist, auf immer mehr digitale Inhalte problemlos zuzugreifen. Die damit verbundene totale Arbeitsteilung kulminierte unlängst in der massiven Nutzung von Workflow-Software http://www.webandflo.com/ , die die Auslagerung einzelner Arbeitsprozesse in Länder mit einer besseren Kostenstruktur möglich macht. SAP ist hier als führendes Unternehmen zu nennen, welches eine Software zur ortsunabhängigen und echtzeitigen Durchführung verschiedener Arbeitsprozesse entwickelte.
Der Journalist beschreibt, welche Faktoren die globale Durchsetzung von Computertechnologie ermöglichten: Die Herstellung von PCs mit einfachen Benutzeroberflächen, die neue Konnektivität durch das Internet ab, die Entwicklung von Universalbrowsers wie Apache http://www.apache.de/
, die die Darstellung der Inhalte des Webs ermöglichten sowie die ständige Weiterentwicklung von einfachen Softwaresystemen nach dem Open Source-Prinzip http://www.opensource.org/ . Jeder kann damit einerseits kostenlos an gute Software kommen und diese auch weiterentwickeln helfen. Von zentraler Bedeutung war auch die Harmonisierung der Entwicklungsstandards durch die Schriftsprachen HTML.
Implizit vermutet Friedman durch diesen Prozess eine stetige Demokratisierung und Liberalisierung der Welt. Insgesamt kommt in dem Buch die Tatsache zu kurz, dass über mittlere Frist weiter vier Fünftel der Weltbevölkerung aufgrund fehlender Infrastrukturen von den Früchten der digitalen Revolution ausgeschlossen bleiben.

Prozesse globaler Arbeitsteilung

Die globale Arbeitsteilung führt dazu, dass Produkte in ihren Einzelteilen in vielen verschiedenen Ländern gefertigt werden. Einfache Arbeiten können outgesourct werden. Der Verlust von Industriearbeitsplätzen in klassischen Industrieländern stellt für einen Neoliberalen wie Friedman kein Problem dar, denn die freigesetzten Arbeitskräfte sollten sich weiter spezialisieren, um Arbeiten hoher Qualität verkaufen zu können. Für einen fünfzigjährigen Arbeiter ist dieses evolutionsökonomische Modell kein Trost. Sich dem neuen Druck anzupassen ist für ihn der einzige Weg ? Friedman lehnt einen neuen Protektionismus ab.
Das Insourcing http://de.wikipedia.org/wiki/Insourcing ist ein Prozess, bei dem Versandfirmen wie UPS nicht nur übliche Transportdienstleistungen übernehmen, sondern auch typische Reparaturleistungen beispielsweise für Computerdienstleistungen erstellen, um Transportwege und Zeit zu sparen. Große Firmen übernehmen bestimmte Teilaufgaben für kleinere Firmen, um sie globalisierungstauglich zu machen. Die Herstellung einer zuverlässigen Wertschöpfungskette durch ein vernetztes Bedarfsermittlungssystem, das die reale Nachfrage feststellt, hat Wal Mart enorme Wettbewerbsvorteile eingebracht. Dass mit totaler Rationalisierung auch ethische Maßstäbe in Gefahr geraten, verleugnet Friedman nicht. Auf Dauer rechneten sich unethische Praktiken aber nicht, lautet sein allzu simpler Abgleich.
Insgesamt wirkt das Buch manchmal wie eine Werbebroschüre für US-amerikanische Konzerne ? von IBM bis FedEX. Der Amerikanozentrismus bleibt nicht verborgen. Friedman ist wohl zu oft Business-Class geflogen, um den Zustand der amerikanischen Gesellschaft selbst nüchtern bewerten zu können.
Dennoch: Friedmans Anstöße sind wichtig und im Zusammenhang dargestellt, so dass es nicht reicht, einen blinden Anti-Globalismus Lafontainscher Provenienz entgegen zu setzen.

Individuelle Eigenschaften notwendig

Bevorzugt der Prozess der Einebnung der Welt die kognitiv Begabten und lässt die anderen Menschen alt aussehen? Ist es eine Welt, in der das Funktionieren des Individuums über allem steht? Nein, sagt Friedman überraschenderweise. Für ihn sind es Faktoren wie Leidenschaft, Kreativität und Neugier, die Menschen verschiedener Herkunft die Chance geben, vom Kuchen des Globalisierungsgewinns ein Stück abzubekommen. Am Beispiel Indien demonstriert er, wie sich Menschen in Bangalore im Call-Center hochgearbeitet haben und dann zu erfolgreichen Unternehmern, geradezu zu ?global playern? wurden.

11/9 oder 9/11

Die radikal unterschiedlichen Einstellungen zur Globalisierung fängt Thomas Friedman ein mit dem Bild zweier Daten, die die Nebenfolgen dieses gesellschaftlichen und technischen Entwicklungsprozesses geradezu symbolisieren.
Während der 9.11.1989 für den Mauerfall und den Zugewinn an Freiheit steht, sind mit 9/11 Angst, Destruktivität und Terror zu assoziieren. Während die Kommunikationsrevolution Bildung und Aufklärung fördern und somit emanzipierend wirken kann, stellt sie auch atavistischen Systemen und zerstörerischen Ideologien modernste Hilfsmittel zur Durchsetzung ihrer Ziele bereit.
Doch den größten Fehler wirft Friedman der Bush-Administration vor. Diese exportiere Angst und zerstöre das Image der Hoffnung, das die USA bis dato getragen hätten. Den schmalen Grad zwischen Vorsicht und Paranoia hätte diese Regierung verfehlt. Je mehr Erfolgsgeschichten die Globalisierung auch in den bisher benachteiligten Ländern schreibt, desto geringer wird das Potenzial für destruktiven Terrorismus, glaubt Friedman.

Flach oder oberflächlich?

Die Welt ist flach ? man kann den Titel des Buches so oder so interpretieren. Die totale Kommerzialisierung, die mangelhafte Berücksichtigung von gewachsenen Kulturen, Geschichte und tieferem Wissen bleiben als problematische Rückstände dieser dynamischen Globalisierung stehen. Wollen die Menschen tatsächlich nur nach Produktivität und Funktionalität beurteilt werden?
Friedman gibt gute Anstöße ? besonders lehrreich ist seine sehr praktische Schilderung des Verlaufs der digitalen Revolution und ihrer Folgen.
Auf der anderen Seite wirkt es wiederum so, als schreibe der Starjournalist als PR-Agent für amerikanische Firmen, die besonders von der Globalisierung profitieren. Das Buch hat bereits starke Reaktionen ausgelöst ? es ist für ein breites Publikum zu empfehlen, denn es fordert zu einer Stellungnahme auf.

Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach ? Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2006. 978-3518418376. 26,80 Euro.

Strukturelle Falle Hartz IV

Sonntag, 26. August 2007

Die meisten Menschen können aus der Falle Hartz IV nicht mehr raus. Jeglicher Zuverdienst kann nicht investiert werden. Menschen verlieren die Fähigkeit, Internet-Programme, Fortbildungen und so weiter durch eigene Arbeit finanzieren zu können. So wird ein struktureller Kern ewiger Bedürfnisempfänger gehortet
Außerdem macht die ARGE Millardenüberschüsse, aber Menschen werden nicht gefördert. Es ist ein Wettbewerb der ARGE-Geschäftsführer um die geringsten Kosten geworden – eine politische Perversion.
So ist das kein Ausbau des Sozialstaats, sondern ein doppelter Malus. Hohe Kosten und Entwürdigung der Empfänger in einem – welch Desaster.

Russische Muskelspiele

Montag, 20. August 2007

Die russische Militärdemonstration der Stärke ist eine klare Reaktion auf die US-Arroganz der Macht. Während die USA jeden Punkt der Erde mit Aufklärungsflugzeugen und Satelliten „überwachen“, nimmt man es den Russen übel. Zu viel Unipolarismus schadet. Deshalb sollte man nicht in Panik ausbrechen und wieder den bösen Russen beschwören. Was er tut, ist der Ausdruck eines berechtigten Wunsches nach einer multipolaren Welt. Denn die Amerikaner sind nicht mehr bedingungslos zu den Guten zu rechnen….

ZDF-Serie 37 Grad: Gewalt in der häuslichen Pflege

Donnerstag, 9. August 2007

Menschen sind in der häuslichen Pflege oft überfordert. Der Schicksalsschlag eines Partners kann das Leben von heute auf morgen verändern. 1,5 Millionen Menschen werden in Deutschland zuhause gepflegt. Verzweiflung und Gewalt sind dabei zum Alltag geworden. Aber häusliche Gewalt ist ein Tabu-Thema. Dieses Thema erlaubt keine einfache Moralisierung. Die Lebenssituation wird durch Überlastung und Überforderung teilweise unerträglich. Menschen, die pflegen, haben plötzlich kein soziales Umfeld mehr, keinen Urlaub, keine Freuden ? nur einen belastenden Alltag.

24-Stunden-Einsatz

Viele Menschen wollen das Pflegeheim vermeiden. Für Angehörige ist es aber eine teilweise ungeheure Belastung, ohne Unterstützung zu pflegen. Gerade hier müssen Angehörige aber selber betreut und unterstützt werden.

Ressentiments des Lebens kommen hoch

Helmut L. konnte sein eigenes Leben nicht leben. Er vermisste Liebe, die er von seiner Mutter nie bekommen konnte. Aggressionen stauten sich an. Die Versäumnisse des eigenen Lebens werden auf die zu pflegende Person bezogen, die nur noch als Belastung empfunden wird. Dies ist die Saat für ausbrechende Gewalt in Situationen besonderer Spannung. Gerade, wenn nicht einmal Dankbarkeit von Seiten der gepflegten Person entgegen gebracht wird.

Überlastung führt zum Ausrasten

Ohne Unterstützung ist die Rund-um-die-Uhr-Pflege für Menschen ein reines Martyrium. Deshalb entschuldigen Betreuer teilweise von ihnen begangene Gewalttaten. Oft ist der Ton ungeduldig ? Vorwürfe werden ausgetauscht. Denn es steht auch niemand als Schlichter zur Verfügung.

Aber auch für die Gesundheit des Pflegenden hat die dauerhafte Belastung oft negative Folgen.

Verein Handeln statt Misshandeln

Rolf Hirsch, Gerontopsychiater, kritisiert die Gewalt in der häuslichen Pflege. Er sieht es auch schon bei verbaler Ungeduld. Claus Fussek meint, dass Pflegende Unterstützung benötigen. Der Weg müsse raus aus der Tabuisierung bei diesem Thema. Aber Kategorien von Schuld lehnt Fussek ab. Statt dessen fordert er die Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes. Pflegende Angehörige haben sogar Anspruch auf einen Urlaub. Das Konzept der Kurzzeitpflege im Heim wird von vielen Pflegebedürftigen nicht angenommen.

Sentimentalität verhindert Annahme von Hilfsangebote

Die Tagespflege bietet oft eine wichtige Verschnaufpause für Angehörige. Gerade Entlastungskonzepte können die Gewalt verhindern. Pflegende benötigen Foren, in denen sie sich aussprechen können.

Helden des Alltags

Es gibt viele stille Helden des Alltags, die aus der Liebe zu bedürftigen Angehörigen ihr Leben für diesen aufopfern. Aber oft tun sie sich keinen Gefallen, indem sie auf Hilfsangebote verzichten oder diese gar nicht kennen.

Energiekonflikte der Zukunft

Montag, 6. August 2007

Das Thema China sorgt in der öffentlichen Debatte für pluralistische Bewertungen. Ist China auf dem Weg zu einer antagonistischen Großmacht, die globale Ambitionen aggressiv vertreten wird oder wird China zu einem organischen Bestandteil einer stabilen Welt(wirtschafts)ordnung?
Um diese Frage wissenschaftlich differenziert zu analysieren, ist es wichtig, die Machtressourcen der Volksrepublik realistisch einschätzen zu können. Wie nachhaltig ist Chinas Wirtschaftswachstum und von welchen Problemen wird es begleitet? In welcher Weise setzt die Volksrepublik ihr zunehmendes ökonomisches Potenzial in politische Ansprüche und Machtpotenziale um?
Die Frage nach der zukünftigen Energieversorgung Chinas ist bei der Evaluierung der relativen Macht des Akteurs im internationalen System von zentraler Bedeutung. Saskia Hieber, Referentin an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und ausgewiesene Asienexpertin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat eine wichtige Arbeit zum Thema Energiesicherheit in China veröffentlicht. Diese Untersuchung bereichert den fachwissenschaftlichen Diskurs über Chinas zukünftige Entwicklung
Hieber geht von der These aus, dass die Energiepolitik eine Unterfunktion der Sicherheitspolitik eines Staates sei: dies ergebe sich aus dem energiewirtschaftlichen Faktorendreieck Ressourcenknappheit, Importabhängigkeit und Versorgungskonkurrenz einerseits und den sicherheitspolitischen Variablen Sicherheit der Transportwege, der Produktionsstätten für Energie und der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung strategischer Reserven andererseits.
Den Nexus Sicherheits- vs. Energiepolitik hält die Autorin in ihrer Untersuchung konsequent durch, kommt aber zu durchaus überraschenden Ergebnissen. Wo der ?typische politische Realist? das Politikfeld Energiepolitik zu einem einfachen Nullsummenspiel degradiert, dessen Interaktionen zwangsläufig zu gewaltsamen Konflikten im internationalen System führen müssten, da kommt die Münchner Politikwissenschaftlerin zu dem Schluss, dass die Energiepolitik aufgrund ihrer Konstitutivität eher entlang kooperationstheoretischer Linien praktiziert werden muss. Dies hängt mit dem hohen Investitionsbedarf in die Förder- und Raffinierungsanlagen zusammen. Kein sich durch aggressive Intentionen auszeichnender Staat würde Großinvestitionen in verletzliche Pipelinesysteme, Flüssiggasterminals oder andere HighTech-Equipments riskieren, da diese Investitionen gleichzeitig strategische Ziele für potenzielle Feinde darstellen könnten. Chinas Wachstum ist, so lautet eine weitere Grundhypothese der Arbeit, direkt proportional abhängig von einem stabilen sicherheitspolitischen Umfeld. Dies lässt die Wahrscheinlichkeit eines China als global revisionistischem Akteur gering erscheinen.
In anderer Hinsicht kann das Politikfeld Energie dennoch konfliktverschärfend wirken. Im Falle bestehender Konflikte hat die Energieknappheit Staaten zu präventiven Gewaltakten gezwungen. Als klassische Beispiele dürfen die Beispiele des Angriffs Japans auf Pearl Harbor aufgrund des amerikanischen Ölembargos sowieso die deutsche Blitzkriegstrategie aufgrund des Ressourcenmangels im Zweiten Weltkrieg gelten.
Dass Chinas Energiepolitik keinesfalls einen lupenreinen Multilateralismus verkörpert, verschweigt Hieber nicht. Die Energiepolitik ist nicht nur energiewirtschaftlich, sondern auch politisch motiviert: ?Der Aufbau von Beziehungen zu politisch isolierten Energiestaaten beschleunigt vielleicht Chinas Präsenz als internationaler Energieakteur und lässt es Nischen im westlich dominierten internationalen Energiesystem nutzen (S. 219).? China betreibe einen strategisch motivierten ?Multi-Bilateralismus?. Bekannt ist der Fakt, dass China, selber Empfänger internationaler Entwicklungshilfe, in Afrika Staaten beim Aufbau von Infrastrukturen unterstützt, um seinerseits am afrikanischen Rohstoffreichtum partizipieren zu können. Das wohl bekannteste Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Sudan, wo China keine menschenrechtlichen Skrupel beim Aufbau von Energieallianzen hindern.
Der globale Akteur China stellt sicherheitspolitisch keine große Gefahr dar, meint Hieber. Selbst im näheren Umfeld wie der südchinesischen See, wo die Chinesen eine Hochseeflotte aufbauen, sind die USA durch ihre Pazifikflotte bis auf absehbare Zeit der dominante Akteur. Zwar bauen die Chinesen ihre U-Boot-Flotte aus, doch bleibt diese veraltet, so dass auch ein Angriff auf Taiwan kein realistisches Szenario darstellt.
Spannend ist das Buch auch in innenpolitischer Hinsicht. Denn es ist keineswegs unproblematisch, China als homogenen Akteur in der Energiepolitik zu betrachten. Hieber hebt die Herausforderungen hervor, die bei der Ausbeutung der Primärenergievorkommen vorhanden sind: Während Chinas Kohlevorkommen hauptsächlich im Norden liegen, so sind die Ölvorkommen im Nordosten und Nordwesten und die Gasvorkommen maßgeblich im Westen des Landes lokalisiert. Die Industriezentren wie die Provinz Guangdong befinden sich dagegen im Südosten. Dies führt zu einem kostenträchtigen Binnentransport; des Weiteren sind die geologischen Bedingungen für die Exploration schwierig und die fossilen Brennstoffe sind im Vergleich zu den Ressourcen vom persischen Golf von niedriger Qualität. Die Energieeffizienz ist auch aufgrund dieser Tatsache äußerst niedrig. Die wichtigsten Maßnahmen zur Verbesserung der Energiesicherheit liegen folglich nicht auf der Angebots-, sondern der Nutzerseite. In Bezug auf die Entwicklung sparsamer Verbrauchstechnologien, die Nutzung erneuerbarer Energieträger sowie die Diversifizierung hin zu Gas und innovativen Antriebsstoffen ist China auf einem guten Weg. Subsidiare Lösungen wie die Förderung von Elektromotorrädern in Metropolen erweisen sich beispielsweise als erfolgversprechend.
Chinas Energieproduktion basiert zu 70 % auf umweltunverträglicher Kohle, zu 20 % auf Öl und zu 8 % auf Wasserkraft; eine verstärkte Energiegewinnung durch Gas ist geplant.
Die idiosynkratische Struktur des chinesischen Wirtschaftssystems wirkt sich nachteilig auf die Energiepolitik des Landes aus. Weder ist ein einheitliches Preissystem entwickelt noch gibt es ein durchgängiges Regulierungswesen; dazu sind viele Sektoren der Energiewirtschaft staatswirtschaftlich organisiert und damit zu groß und zu ineffizient. Hiebers Darstellung brilliert durch eine profunde Kenntnis regional unterschiedlicher Energieversorgungssysteme. Sie führt vor Augen, vor welch gewaltigen Herausforderungen die Volksrepublik China steht, um einheitliche Standards zu entwickeln ? nicht nur im Bereich der Energiepolitik, sondern auch in der ökonomischen und sozialen Sphäre insgesamt.
Die Energiepolitik ist nicht mehr allein Sache von Regierungen. Die hybride Form des Systems China ? politischer Sozialismus und ökonomischer Kapitalismus ? ist von Nachteil bei der systematischen Transformation des energiewirtschaftlichen Systems. Zu sehr blockieren sich Interessen privater, halbstaatlicher und staatlicher Akteure. Dazu hat das Militär noch eine intervenierende Position bei der Durchführung internationaler energiepolitischer Maßnahmen. Doch ?im Zuge der Anpassung der Staatsstrukturen an die Erfordernisse einer ?sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung?? sind im Verlauf der Reformen der Regierungsorgane die Branchenministerien aufgelöst worden. Diese trugen den Charakter von Monopolgesellschaften und waren strategisch so platziert, dass sie jenseits marktwirtschaftlicher und preispolitischer Vorgaben handeln konnten. Die Herausforderung wird sein, die Staatsbetriebe aufzugeben oder in effiziente privatwirtschaftliche Strukturen zu überführen.
Hiebers Untersuchung ist gut gegliedert und überzeugt durch die Verknüpfung von Energie- und Sicherheitspolitik einerseits und die klare Trennung innen- und außenpolitischer Aspekte der Energiepolitik. Leider sind die Graphiken als Graustufendrucke teilweise recht intransparent. Dennoch gibt die komplexe Untersuchung einen detaillierten Einblick in die vielfältigen Aspekte der Energiepolitik und ist für Experten und Studierende im Feld äußerst zu empfehlen.

Saskia Hieber: Energiesicherheit in China ? Energiepolitik, energiewirtschaftliche Außenbeziehungen und sicherheitspolitische Implikationen. Verlag Ernst Vögel. Stamsried 2006. ISBN: 3-89650-224-7.