Archiv für Juli 2007

Pflegeexperte Claus Fussek zu Online-Befragungen

Dienstag, 31. Juli 2007

Die jüngste Welle an entstehenden Bewertungsplattformen für Pflegeheime lässt Claus Fussek kalt. Für ihn lassen sich Missstände in der realen Welt der Pflegeheime nicht einfach durch virtuelle Checklisten beseitigen. Das heißt nicht, dass er Online-Plattformen zur Bewertungen von Heimen generell ablehnt, aber er erkennt die Grenzen dieser Erhebungsmethode.

Niemand geht freiwillig ins Pflegeheim

Fussek, der als notorischer Kritiker der Pflegesituation in Deutschland gilt, hat eine klare Überzeugung: Da Menschen nicht freiwillig, sondern aus einer Zwangssituation heraus in das Pflegeheim kommen, wird diese letzte Station im Leben immer mit Makeln behaftet sein.

Selbst als gut anerkannte Heime sind nicht perfekt. Besonders Pflegekräfte, die die Verhältnisse von innen kennen, können ein Lied davon singen, wie unvollkommen ihre Möglichkeit selbst in diesen Heimen sind. Daher fordert der Münchner Experte einen vorsichtigen Umgang mit statischen Bewertungsformularen im Internet.

Subjektive Bedürfnisse stehen im Vordergrund

Sämtliche Internet-Bewertungskataloge verfügen über greifbare Kriterien wie ?gibt es frisches Essen?? oder ?Wie ist das Freizeitangebot?? Von höherer Bedeutung sind jedoch die subjektiven Empfindungen der Heimbewohner. Besonders wichtig ist die gemeinschaftliche Atmosphäre in dem Heim. Fühlt sich der einzelne Mensch in seinen Bedürfnissen respektiert? Fussek sieht in der Aufgabe eines Pflegers eine Berufung. Wie schön kann es sein, wenn ein Pfleger einen Senior durch kleine Freuden zum Lächeln bringen kann.

Diese ?menschlichen? Qualitäten müssen neben den objektiven Bewertungskriterien beachtet werden.

Auch Heime haben Qualitätsunterschiede in der Pflege

Die Pflegequalität innerhalb von Heimen kann recht unterschiedlich sein. Wie Herr Fussek aufgrund seiner langjährigen Erfahrung berichtet, kommen Angehörige zu völlig unterschiedlichen Qualitätseinschätzungen in Bezug auf ein Heim. Dies liegt vor allem an den unterschiedlichen Arbeitsstandards auf den einzelnen Stationen. Manchmal erkennen Verwandte eines Heimbewohners an dessen Frisur, welcher Pfleger sich um ihn gekümmert hat.

Veränderungsbereitschaft des Heimes von zentraler Bedeutung für dessen Qualität

Laut Fussek ist es ein schlechtes Zeichen, wenn ein Heim bei einer Befragung ausschließlich positiv bewertet wird. Denn es gibt aufgrund der Natur der Dinge kein mängelfreies Heim. Das Anerkennen kleinerer Mängel ist eher ein Eingeständnis, das positiv zu bewerten ist. Daher werden Heime die durch die Umfrage aufgedeckten Mängel als Chance sehen, sich qualitativ zu verbessern.

Wichtig ist, dass Heime diese Missstände für die Öffentlichkeit sichtbar zügig beseitigen.

Deshalb beweisen Heime durch ihre Bereitschaft zur Teilnahme an der Befragung ihren Willen zur Verbesserung ihrer Pflegequalität.

Pflegeversicherung wird auf Dauer teurer

Dienstag, 31. Juli 2007

Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet, erwartet Finanzexperte Bernd Raffelhüschen einen Anstieg der Beiträge zur Pflegeversicherung bis zum Jahr 2045 auf 7%. Er fordert ein generelles Umdenken in Bezug auf die Finanzierung der Pflege ? weg vom Umlageverfahren und hin zu einer kapitalgedeckten Vorsorge.

Raffelhüschens Berechnungen wurden jedoch von Vertretern des Bundesgesundheitsministeriums zurückgewiesen.

Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigten

2005 waren in Deutschland 2,13 Millionen pflegebedürftig. Nach Hochrechnungen aus unabhängigen Studien könnten bis zum Jahr 2050 etwa 4,7 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Fakt bleibt, dass das ?Pflegereförmchen? der Großen Koalition keinen Weg aus diesem demographischen Dilemma weist.

Sorge der Deutschen wächst

Die Deutschen haben Angst vor dem letzten Lebensabschnitt, den sie mit der Gefahr der Altersarmut und Unselbständigkeit verbinden. Deshalb sind Politiker gefordert, hier realistische Lösungen aufzuzeigen. Wichtig ist aber auch, dass sich Menschen soziale Netzwerke schaffen, die auch im Alter eine soziale Eingebundenheit gewährleisten.

Innovative politik-ökologische Konzepte zur Entwicklung Chinas und Indiens

Sonntag, 29. Juli 2007

Der jährlich erscheinende Bericht von Worldwatch Zur Lage der Welt enthält eine Fülle innovativer politischer, sozialer, ökonomischer und ökologischer Konzepte, die eine nachhaltige globale Entwicklung jenseits bekannter (und teilweise schädlicher) Wachstumsmodelle ermöglichen soll.
Der diesjährige Bericht behandelt die zentrale Frage, wie die Wachstumspfade der bevölkerungsreichsten Nationen China und Indien in ressourcen- und ökologiefreundlicher sowie sozialverträglicher Weise gestaltet werden können. Denn vor allem China, seit dem Kurs der Erneuerung unter Deng Xiao Ping im letzten Vierteljahrhundert mit einem historisch präzedenzlosen jährlichen Wachstum von durchschnittlich 9,4 % gesegnet, erfährt wie das ähnlich wachstumsstarke Indien in verschiedener Hinsicht die ?Grenzen des Wachstums?.
Leider ist das Buch durch die Inkorporation verschiedener Vorworte und Artikel zu Beginn sehr unübersichtlich strukturiert. Dies tut der inhaltlichen und zukunftgerichteten Vielfalt jedoch keinen Abbruch.
Klaus Milke, Vorsitzender von Germanwatch, weist in seinem einführenden Beitrag auf die Möglichkeiten hin, die Unternehmen im Bereich einer corporate social responsibility haben, um globale Güter wie die Menschenrechte oder ökologischen Fortschritt zu befördern. Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit dürfen nicht mehr als Widersprüche gewertet werden, so Milke. Er weist darauf hin, dass ?Nachhaltigkeitsfonds? das am Schnellsten wachsende Marktsegment auf dem Finanzmarkt darstellen. Die von Unternehmen produzierten externen Effekte werden von der globalen Öffentlichkeit nicht mehr einfach hingenommen. Gerade NGOs haben klare Strategien entwickelt, um unternehmerischer Verantwortungslosigkeit, sich manifestierend in Verleugnungs- oder Green Washing-Strategien, effektiv entgegenzutreten. Die Skandalisierung von Einzelfällen durch öffentliche Kampagnen, gepaart mit fachlicher Expertise, hat Unternehmen schon mehrfach zu signifikanten Verhaltensänderungen gezwungen .
Christoph Flavin, Leiter des Worldwatch Instituts in Washington D. C., weist darauf hin, dass der Erde der Kollaps bevorsteht, sollte der gegenwärtige Wachstumspfad der Industrieländer von den Schwellenländern bedenkenlos kopiert werden. Er zeigt, in welcher Weise sich der Einfluss Indiens und Chinas, die zusammen 40 % der Weltbevölkerung ausmachen, nicht nur an den Energie- und Rohstoffmärkten niederschlägt. Stellvertretend für den Aufstieg der beiden Mächte mögen die Metropolen Shanghai und Bangalore stehen, die Epizentren des ökonomischen Aufstiegs. Flavin sieht die wirtschaftlichen Erfolge nicht als natürliches Resultat der Ressourcenvielfalt des Landes, sondern als Ergebnis der jahrzehntelangen Investitionen in die eigenen Bevölkerungen.
Doch das Problem der steigenden Ressourcennachfrage bleibt bestehen. China steckt ein hohes Maß an Finanzmitteln in eine Hochseeflotte, um die für den Ressourcenimport wichtigen Seewege zu sichern und engagiert sich in bilateralen Handelsbeziehungen in Afrika. Doch gibt es auch Konzepte, die eine konsequente Förderung regenerativer Energien zum Ziel haben. Das Ziel ist es, einige Entwicklungsstufen des westlichen Kapitalismus zu ?überspringen? ? paradoxerweise auch mit Hilfe westlicher Technologien. Zu den innovativen, eine nachhaltige Entwicklung fördernden Zukunftsmodellen gehört zum Beispiel das Bus Rapid Transit-System, welches die Herstellung eines die Ballungszentren ökologisch entlastenden öffentlichen Transportsystems darstellt. Auch die elektrischen Fahrräder haben diesen Effekt. Viele Betriebe in China forschen an der effizienten Nutzung von Biokraftstoff. Der Vorteil ist, dass die landwirtschaftlichen Produkte zur Herstellung desselbigen überall angebaut werden können. Dies führt zu einer Dezentralisierung der Produktion, die über lange Frist die Energiesicherheit verbessern und potenzielle Konflikte um knappe Ressourcen minimieren kann. Suzanne Hunt und Janet Sawin verdeutlichen in ihrem Beitrag, dass diese Art der Energiegewinnung eher für die lokale Versorgung, nicht aber für die Beseitigung globaler Energieengpässe geeignet ist.
Die Wasserversorgung stellt die kritische Variable bei der Versorgung der Weltbevölkerung dar. China und Indien versuchen, durch haushaltsgebundene Wege zur Abschöpfung des Regens (Wasserernte) die Abhängigkeit von der Grundwasserversorgung zu verringern. Das Hauptproblem beim Wasser stellt jedoch der hohe landwirtschaftliche Verbrauch dar. Aber auch die Folgen des Klimawandels, so Sandra Postel in ihrem Beitrag, führen zu suboptimalen Verteilungsstrukturen des Niederschlages und zum Abschmelzen von Wasserreservaten wie Gletschern und beschleunigen die Wasserknappheit in ohnehin benachteiligten Regionen. Aber es gibt auch ermutigende Beispiele für eine Verbesserung der Wassernutzung wie die Stadt Bógóta, in der es gleichzeitig gelungen ist, die Ökosysteme zu schützen und eine wachsende Zahl an Haushalten an Trinkwasserressourcen anzuschließen. Der auch die bevölkerungsreichen Nationen betreffende global zunehmende Fleischverbrauch ? krasse industrielle Massentierhaltung noch verschärfend – wird die globale Wasserknappheit allerdings noch erheblich forcieren. Danielle Nierenberg zeigt, dass die Produktion von 200 Gramm Rindfleisch bis zu 25.000 Litern Wasser erfordern kann. Zum Vergleich: Nur 550 Liter werden in den Entwicklungsländern benötigt, um Mehl für einen Laib Brot zu produzieren. Gerade die bevölkerungsreichen Staaten wie Indien und China neigen zu vermehrter industrieller Fleischproduktion. Die Folge ist eine zunehmende Anfälligkeit für Tierseuchen und auf Menschen übertragbare Epidemien. Die vor allem in Asien kursierende Vogelgrippe ist das aktuellste Beispiel für die Gefahren dieser Zentralisierung.
Der Nanotechnologie als neuer Basistechnologie werden große Hoffnungen entgegengebracht. Dabei geht es um die Manipulation von Stoffen auf der Ebene der Atome. Besonders China, von Umweltbelastungen betroffen, hat ein Interesse an der Entwicklung umweltfreundlicher Werkstoffe und ist auf dem Weg, eine führende Nanotechnologiemacht zu werden. Durch die Manipulation von Genstrukturen können sogar neuartige Lebensformen geschaffen werden ? mit allen ethischen Implikationen.
Michael Renner und Zoe Chafe loten die Möglichkeiten aus, inwieweit Katastrophen zu solidarischen Attitüden führen und so friedensfördernde Wirkungen zeitigen können. Dabei kommen sie zu ambivalenten Ergebnissen. Die Frage ist, ob kurzfristige Hilfsangebote internationaler Organisationen und Staaten in langfristige Verpflichtungen umgewandelt werden können. Erfahrungen nach dem Tsunami in Aceh und in Sri Lanka beweisen, dass Katastrophen zur Überwindung verhärteter politischer Konfliktstrukturen führen können, wenn externe Akteure ein geschicktes Konfliktmanagement betreiben.
Weitere Beiträge in dem umfassenden Worldwatch-Report analysieren den Zielkonflikt zwischen Handel und nachhaltiger Entwicklung im Rahmen der Doha-Runde, stellen die Spielräume von NGOs beim Aufbau einer grünen Zivilgesellschaft im kommunistischen China dar und beschreiben den internen Wertewandel innerhalb von multinationalen Unternehmen in Bezug auf die Bereitstellung globaler Güter. Der nicht immer übersichtlich organisierte Report weckt ein Problembewusstsein und zeigt in konstruktiver Weise Lösungswege auf. Ein ideologisches Blameshifting wird dankenswerter Weise vermieden.
Schon Konfuzius sagte: ?Wer nicht über das Zukünftige nachdenkt, wird das Übel nahebei finden.? Dieser Jahresbericht ist ein wichtiger Schritt auf dem mühsamen Weg, eine bessere und gesündere globale Entwicklung durchzusetzen.

Justizministerin Zypries verlangt Kombination von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Montag, 23. Juli 2007

Justizministerin Zypries hat an der Technischen Universität München die prinzipielle Gültigkeit der Patientenverfügung verteidigt. Sie kritisierte den Gesetzentwurf des Bundestagsabgeordneten Bosbach und seiner Mitstreiter, denen sie Weltfremdheit vorwarf.

Rechtssicherheit fehlt

Der Chef der SPD Bayern, Franz Maget, wies darauf hin, dass in Deutschland 9-11 Millionen Menschen bereits eine Patientenverfügung aufgesetzt hätten. Um so wichtiger sei es, eine Rechtsklarheit herzustellen. Viele der bereits formulierten Verfügungen sind unpräzise formuliert, so dass deren Wirksamkeit gefährdet wird.

Falsche Motivation Angst

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries stellte zu Beginn klar, dass das die Debatte um das Thema Patientenverfügung von Angst dominiert sei. Die Medizin sei so weit fortgeschritten, dass Menschen befürchteten, dass die Natur nicht mehr ihrem ursprünglichen Plan folgen könne. Es müsse gezeigt werden, dass medizinischer Fortschritt und die Erhaltung der Menschenwürde miteinander vereinbar seien. Hier sei eine Menge an Aufklärungsarbeit zu leisten.

Für Menschen, die sich mit der Situation am Lebensende beschäftigen, ist folgendes zu berücksichtigen: Auch der Ehepartner und die eigenen Kinder müssen notariell bevollmächtigt werden, um die Patientenverfügung zu interpretieren und durchzusetzen. Ansonsten setzt der Staat per Gerichtsbeschluss einen Berufsbetreuer ein, was dazu führt, dass ein Fremder über die Geschicke des eigenen Lebens verfügt.

Ermittlung potenziellen zukünftigen Willens

Die Patientenverfügung wird erst dann gültig, wenn der Patient keinen eigenen Willen mehr artikulieren kann. In der Vorsorgevollmacht wird der Patientenwille für eine mögliche Zukunftsentwicklung vorausgedacht. Es ist jedoch unmöglich, die genaue medizinische Entwicklung vorauszusagen, so dass Ärzte immer Spielräume haben, den Patientenwillen umzuinterpretieren.

Zypris wies darauf hin, dass die Debatte um die Patientenverfügung im Frühjahr 2007 sensibel geführt worden sei. Die Abgeordneten folgen bei der Abstimmung der Gesetzentwürfe ihrem Gewissen, so dass es zu parteiübergreifenden Koalitionen kommt. Die Bundesjustizministerin hatte die Kutzer-Kommission eingesetzt, aus der der Gesetzentwurf des Abgeordneten Stünker hervorging, den Zypris unterstützt.

Gesundheitsbevollmächtigten einsetzen

Zypries sprach sich für die Einsetzung eines Gesundheitsbevollmächtigten (Vertrauensarzt) bei der Formulierung der Patientenvollmacht aus. Es sei wichtig, in diesen Fragen eine Vertrauensperson hinzuziehen zu können. Insgesamt sei es wichtig, auch einen Vorsorgebevollmächtigten einzusetzen, der die Vollmacht interpretieren und gegen medizinische Institutionen auch durchsetzen kann. Dieser ist auch wichtig in finanziellen und wohnungsrechtlichen Angelegenheiten.

Kritik an Bosbach-Entwurf

Der Gesetzentwurf um die Gruppe Bosbach geht davon aus, dass Wachkoma-Patienten nicht entscheidungsfähig sind. Sie bezweifeln, dass Menschen grundsätzlich ihren zukünftigen Willen in Bezug auf ihr Ableben auch nur annähernd vorausbestimmen können. Damit stellt er in den Augen seiner Opponenten das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in Frage. Zypris befürwortet einen Gesetzentwurf, der es Menschen erlaubt, in jeder Phase des Lebens festzulegen, wie er behandelt werden möchte.

Koch skeptisch gegenüber Patientenverfügung

Marianne Koch, Internistin und Journalistin, hält ein Gesetzesgerüst für Ärzte für hilfreich. Sie stellte aber die Fähigkeit der Menschen in Frage, ihren eigenen ?medizinischen Willen? formulieren zu können. Worauf basiere dieser? Auf einer falschen Angst vor Beatmung? Auf Vorurteilen und Horrorvorstellungen? Der Patientenwille sei eine wackelige Angelegenheit. Ein großes Problem liege in der mangelhaften Ausbildung der Ärzte in Bezug auf schmerztherapeutische Maßnahmen.

Wert der Palliativmedizin

Professor Borasio von der Ludwig-Maximilians-Universität München hob den Wert einer sorgfältigen palliativmedizinischen Versorgung hervor. Die LMU in München ist die einzige bundesweit, an welcher Palliativmedizin zu den Pflichtfächern jedes Approbanden gehöre. Diese Form der lindernden Medizin habe eine uralte Tradition. Lindern, wo nicht mehr zu heilen ist, sei ein humanitäres Gebot. Gute Palliativmedizin bestünde jedoch aus einem Team von Ärzten, Pflegern, Seelsorgern und Physiotherapeuten. Den Satz ?ich kann nichts mehr für dich tun? sei völlig falsch, auch im Falle unheilbarer Krankheiten. Der Dialog sei das zentrale Elemente einer humanen Medizin am Lebensende. Aber gerade diese Dialogmöglichkeiten sind ja im Falle der Patientenverfügung nicht mehr gegeben. Patienten würden in ihren Möglichkeiten oft unterschätzt.

Auseinandersetzungen zwischen Bevollmächtigtem und Ärzten

Renate Maltry vom Deutschen Juristinnen-Bund wies darauf hin, dass es an Aufklärung beim Thema Vorsorgevollmacht fehle. Dazu gebe es oft Streit zwischen den Vorsorgebevollmächtigten und dem Krankenhaus, so dass der gerichtliche Entscheid vorm Sterbebett in der Praxis keine Seltenheit sei. Auf Seiten aller Beteiligten müsse es hier klarere Regelungen geben.

Schwierige ethische Fragen

Marianne Koch verteidigte noch einmal ihre Kritik an Zypris‘ Entwurf. Einige Menschen würden eine Patientenverfügung nur formulieren, um ?Anderen nicht zur Last zu fallen? oder um dem Staat keine Kosten zu verursachen. Dem widersprach die Justizministerin. Vorsorgemaßnahmen seien notwendig, sonst sei der Patient ausgeliefert und nicht mehr Herr über sein Schicksal.

Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung gehören zusammen

Insgesamt wurde eines deutlich: die Debatte um die Patientenverfügung kann nicht auf ein einziges Instrument reduziert werden. Statt dessen muss ein gesamtheitlicher Ansatz gefunden werden. Menschen sollten sich über zukünftige Entwicklungen informieren und nicht aus Angst Entscheidungen treffen.

Bundesjustizministerin Zypries hob abschließend hervor, dass eine Patientenverfügung nur im Zusammenhang mit einer Vorsorgevollmacht sinnvoll sei. Die Fragen zu den letzten Fragen sollten so wie wie möglich frühzeitig mit Vertrauenspersonen aus dem Fach- und dem privaten Bereich geklärt werden. Ein Gesetzentwurf kann die Probleme des Lebensendes nicht lösen, sondern vor allem individuell verantwortliches Handeln.

Verteidigungsminister Jung im Politischen Club der CSU

Mittwoch, 11. Juli 2007

Verteidigungsminister Jung: Bundeswehr muss in Afghanistan bleiben

Bundesverteidigungsminister Jung war am Montag Abend im Politischen Club der CSU-Fraktion zu Gast. Er nutzte die Gelegenheit, um die globale Rolle der in die Kritik geratenen Bundeswehr zu verteidigen.

Die im Plenarsaal des Bayerischen Landtags stattfindende Veranstaltung unter dem süffisanten Titel ?Von Bayern bis zum Hindukusch ? Neue Herausforderungen für die Bundeswehr? war mit über 650 Besuchern mehr als gut besucht. Der CSU-Fraktionsvorsitzende Joachim Hermann hob in seinem Grußwort die Notwendigkeit des Einsatzes der Bundeswehr im Innern hervor und bestätigte den jüngsten Vorstoß von Kanzlerin Merkel in dieser Richtung. Auf den umstrittenen Einsatz der Tornados während des G8-Gipfels wurde an diesem Abend, der deutlich von Harmonie geprägt war, nicht eingegangen. Der zentrale verteidigungspolitische Beitrag Bayerns im Bereich der HighTech-Industrie wurde vom Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Wehrpolitik, Günter Gabsteiger, betont.
Verteidigungsminister Jung begann seinen Beitrag mit dem Hinweis auf die historisch einmalige Leistung der Bundeswehr, zwei einst verfeindete Armeen nach der Wiedervereinigung zusammen geführt zu haben. Die Bundeswehr sei ein Vorbild für die Transformationsfähigkeit einer großen Organisation in Zeiten, die rapide Veränderungen mit sich brächten.
Mit sichtlicher Leidenschaft verteidigte Jung den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Die Deutschen seien in Afghanistan sehr angesehen. 95 % der Bevölkerung betrachte die Bundeswehr als Freund, nicht als Besatzer. Er monierte, dass nur die schlechten Nachrichten in die Öffentlichkeit kämen wie der Tod dreier Bundeswehrsoldaten im Mai dieses Jahres, die einem Anschlag zum Opfer gefallen waren. Doch seien die Leistungen beim Aufbau des Landes beachtlich. Die medizinische und logistische Situation des Landes verbessere sich stetig. Das Land habe eine Verfassung und eine gewählte Regierung. Frauen seien auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung. Der Rückzug der Bundeswehr sei genau das, was die Taliban mit ihren perfiden Terror-Strategien erreichen wollten. Dieser sei keine Option. Dennoch müsse in Afghanistan mit aller Vorsicht vorgegangen werden. Zwischen den Zeilen wurde eine Kritik an der Vorgehensweise der USA im Anti-Terror-Kampf deutlich. Jedes zivile Opfer spiele den Gegnern des Wiederaufbaus Afghanistans in die Hände.
Der aufgrund diverser interner Querelen in die Kritik geratene Verteidigungsminister genoss das hohe Maß an Zustimmung, das ihm vom Auditorium entgegen gebracht wurde. Dies galt auch für die Frage des Einsatzes der Bundeswehr im Innern. Hier wies der Minister darauf hin, dass die Bundeswehr durch den Einsatz von AWACS-Flugzeugen dabei mitgeholfen habe, eine sichere und friedliche Weltmeisterschaft auszurichten. Ausdrücklich hob Jung hervor, dass die Bundeswehr ?keine Ersatzpolizei? sein wolle, sondern lediglich in Ausnahmefällen rechtlich zum Einsatz befähigt werden soll. Sicherheit sei nur durch die effektive Vernetzung aller Kräfte erreichbar, die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit ohnehin nur ein Artefakt.
Jung begrüßte aufgrund des zunehmenden Aufgabenspektrums die in der letzten Woche beschlossene Erhöhung des Verteidigungsetats. Aber auch ideell müssten die Leistungen der Soldaten anerkannt werden. Deshalb plädierte er für ein im Bendler-Block in Berlin zu errichtendes Ehrenmal für die im Einsatz gefallenen Soldaten.
Der Abend verdeutlichte, dass eine große Strategie zur Definition deutscher Interessen nicht vorliegt. Dem Verteidigungsminister gelang es jedoch zu zeigen, dass Deutschlands Sicherheit nicht nur innerhalb der eigenen Grenzen verteidigt werden kann. Flexibilität, schnelle Reaktionsfähigkeit und Mobilität sind die Schlüssel zur Erreichung von Sicherheit im 21. Jahrhundert. Die spanische Weisheit bleibt hingegen unverrückbar: ?Reisender, es gibt keinen Weg – Wege werden geschaffen, indem man sie geht.?

Der 55. Münchner Pflegestammtisch

Donnerstag, 5. Juli 2007

Der 55. Pflegestammtisch befasste sich mit dem Thema ?Altern in Würde. Aktion, Kreativität und das Ernst Nehmen der älteren Menschen ? dies waren Maximen, die im Mittelpunkt standen. Selbst die Besucher des Stammtisch waren gefordert, aktiv teilzunehmen, um den Umgang mit der eigenen Gefühlsebene empathisch nachvollziehen zu können.
Der Pflegestammtisch hat sich von einem investigativen Forum, das Missstände aufdeckt, zu einer Plattform gewandelt, die auch Lösungen anbietet. Es ist Claus Fussek zu verdanken, dass kein reiner Kritizismus eingekehrt ist. Vertreter größerer Verbände und Heimträger haben durch den Einfluss Fusseks ihr Denken verändert und sind jetzt Fürsprecher für mehr Transparenz.
An diesem Abend stand der Umgang mit Demenzkranken im Vordergrund ? die Minireform der Pflegeversicherung hatte Demenzkranke in den Fokus gerückt.

Persönliches Einfühlen wichtig

Der Pflegewissenschaftlicher Detlef Rüsing von der Universität Witten/Herdecke fordert von Pflegekräften ein eigenes Ethos. Als Pflegekraft könne man einen Unterschied machen, meinte er, der früher am Fließband gearbeitet hatte.
?Die bekannten schlechten Rahmenbedingungen in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen in zahlreichen Heimen entbinden Pflegende nicht davon, eigenes Handeln zu reflektieren. Eine ?gute Pflege“ ist ohne ein Interesse an den Menschen nicht leistbar. Das Interesse an der Person, die Begegnung auf Augenhöhe gerade auch mit dementen Menschen kostet nichts, sondern spart Zeit“.
Um sich zu unterstützen, bräuchten Pflegekräfte eine Kultur des Kritisierens im Sinne von Fördern und Zulassen. Nur so kann ein hoher Qualitätsstandard erreicht und erhalten werden.
Und Rüsing beeindruckte durch sehr gute Beispiele, die verstehen helfen, warum es für den Pfleger wichtig ist, sich in die Welt des Demenzkranken hinein zu begeben. Wenn ein Senior eine Zeitung zerschnipselt, anstatt sie zu lesen, dann könne das eine eigene Art der Bearbeitung sein. Typisch ist das bei Menschen, die lange publizistisch tätig waren. Was der kognitiv Gesunde als Fehlhandlung betrachtet, macht für den Kranken in seiner Welt Sinn.
Rüsing forderte, dass Pflegekräfte mehr Biographiewissen vom Einzelnen benötigten. Er fordert, dass Pflegeschulen auch Allgemeinwissen und historische Kenntnisse fordern. Sein Anspruch an eine menschliche Pflege ist hoch ? vielleicht im realen Leben zu hoch? Jedenfalls war der Grundgedanke klar: Demenzkranke wollen weiter als Menschen ernst genommen werden ? sie haben im Leben viel geleistet und wollen bis ans Lebensende den verdienten Respekt bekommen.
Flexibilität im Umgang mit Dementen ist unerlässlich. Darauf sollte jede Institution achten. Bereits bei der Aufnahme eines Pflegebedürftigen sollte mit den Angehörigen geklärt werden, welche Wünsche dieser hat.
Clowns im Pflegeheim
Mit besonderem Charm und Charisma ausgestattet ist Professor Rudi Hirsch, Initiator der Initiative ?Handeln statt Misshandeln“ in Bonn und seit vielen Jahren einer der engagiertesten Kämpfer für die Würde pflegebedürftiger Menschen: ?Clowns sind Lebenskünstler, weise Narren und Freudenspender. Dies brauchen Heimbewohner. Clowns sind Meister im Scheitern und Wiederaufstehen.? Sie verkörpern einen heiteren, befreienden Humor.
Von Clowns kann man lernen, so der engagierte Professor. Ein Lächeln kann die Welt verändern. Sich eine Pappnase aufsetzen ? die im übrigen auch Claus Fussek gut stand ! – verändert die Beziehung zum Gegenüber, lockert auf und nimmt hierarchische Strukturen.
Es ist wichtig, den Senior als gleichwertiges Gegenüber zu betrachten. Begleitung statt Therapie lautet eine wichtige Maxime in der Pflege. Denn oft ist eine Heilung unrealistisch. Man muss lernen, sich mit unveränderlichen Dingen, die nicht mehr heilbar sind, abzufinden.
Verein Clowns e. V.
Mirjam Avellis bringt mit ihren Kollegen in zahlreichen Heimen pflegebedürftigen, dementen Menschen Fröhlichkeit, Abwechslung und dauerhaften persönlichen Kontakt. Die regelmäßigen Besuche von Clowns wecken die Lebensgeister der Senioren, aktivieren Erinnerungs- und Kommunikationsvermögen und schaffen bessere Beziehungen unter den Senioren selber.
Sie hob hervor, dass auch Singen positive Resonanzen auslösen und die Gehirntätigkeit anregen kann. Das Publikum wurde durch ein Kommunikationsspiel in Avellis Beitrag einbezogen. In drei Stufen sollten sich die Stammtisch-Besucher interaktiv begegnen. Das Ergebnis war, dass sich fremde Menschen aus ihrer Reserviertheit lösten und offener aufeinander zugingen ? ein gutes Beispiel dafür, wie die Beziehung zu Demenzkranken verbessert werden kann.
Kritik am Heimgesetz
Besucher des Stammtisches beklagten, dass Gemeindehelfer in die Pflege miteinbezogen werden sollten. Dies sei ein zynisches Abwerten der Bedürfnisse der Senioren.
In der Tat muss gut überlegt werden, auf welche Weise zivilbürgerlich Engagierte in die Pflege mit einbezogen werden können. Sie sollten jedenfalls nicht leichtfertig, ohne Ausbildung, in den Fachkraftschlüssel einbezogen werden.

Hermann lobt Merkels EU-Ratsvorsitz

Mittwoch, 4. Juli 2007

Im Rahmen einer Tagung in Wildbad Kreuth hat Joachim Hermann, CSU-Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag, die deutsche EU-Ratsprädidentschaft bilanziert. Dabei lobte er ausdrücklich die Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es sei für Deutschland und den europäischen Integrationsprozess von elementarer Bedeutung gewesen, dass ein Scheitern des Vertragsprozesses verhindert werden konnte.
Dabei hebt Hermann die Solidarität der überwiegenden Zahl der Mitgliedsstaaten gegenüber Deutschlands im Laufe der Präsidentschaft hervor. Viele Entscheidungen seien mitgetragen worden. Die Haltung Polens wollte er nicht in den Vordergrund gestellt wissen. Realiter seien Deutschland und Polen Verbündete in der NATO und im politischen Alltag gebe es eine Fülle von Solidaritätspotenzialen zwischen beiden Staaten wie das deutsch-polnische Jugendwerk und eine Vielzahl von Städtepartnerschaften.
Hermann stellte klar, dass die CSU-Position zum EU-Gesamtkonzept von vielen Mitgliedsstaaten geteilt würde. Die Ablehnung der Referenden in Frankreich und den Niederlanden hätte verdeutlicht, dass in den Bevölkerungen die Angst vor einem europäischen Superstaat existent sei. Dies gelte auch für Deutschland. Ein Staatenbund sei die präferierte Lösung ? ein Bundesstaat Europa sei überwiegend nicht gewünscht.
Deshalb begrüßte Hermann die Entschärfung des Verfassungsentwurfs zugunsten eines Grundlagenvertrages. Er betonte die Notwendigkeit, die für den Bürger spürbar werdenden Errungenschaften der EU wie die Senkung der Handy-Gebühren, aber auch den Fall weiterer Grenzen durch die Ausweitung des Schengen-Abkommens besser zu verkaufen. Die integrationsbezogene Berichterstattung sei mehr auf die Kosten der Integration fokussiert. Hier gebe es erheblichen Nachholbedarf in der Selbstdarstellung der Europäischen Union.
Als besonderen Fortschritt empfindet der CSU-Fraktionsvorsitzende die Tatsache, dass die Ziele der EU nicht mehr kompetenzbegründet sind. Dadurch könne das Postulat der Subsidiarität besser verwirklicht und unnötigen Zentralisierungstendenzen effektiver vorgebeugt werden.
Hermann betonte die Notwendigkeit zur Konsolidierung der Union in inhaltlicher wie territorialer Hinsicht. Deshalb sei es notwendig, den Charakter der Union als Wertegemeinschaft stärker in den Vordergrund zu rücken. Kritisch äußerte er sich weiter in Bezug auf die zukünftige Aufnahme der Türkei.
Die deutsche Ratsprädidentschaft, das war der Tenor der Veranstaltung, vermochte es, die Integration wieder auf das Monet’sche Prinzip der kleinen Schritte zurückzuführen. Diese stete und solide Vorgehensweise habe den Erfolg der Union im letzten halben Jahrhundert garantiert.